Werden unsere Schüler immer dümmer? Teil 2 meiner Übersetzung eines Interviews mit Gordon Neufeld

Werden unsere Schüler immer dümmer?

Fortsetzung:

Bereits kleine Investitionen in die Lehrer-Schüler-Beziehung haben messbar bemerkenswerte Auswirkungen auf das Lernen.

Der Fokus

Wir sollten die Richtung unseres Fokus‘ ändern, WIE wir unterrichten und uns auf den Kontext fokussieren. Sogar in der Uni lernen wir am besten da, wo wir eine Bindung haben.

Als Eltern wissen wir das auch intuitiv: wir wollen wissen, ob unsere Kinder ihre Lehrer mögen oder nicht!

Es geht im übrigen nicht darum, dass nur die Lehrer die Bindung aufbauen, sondern die Schüler natürlich auch zum Lehrer/Dozent.

Wir müssen also heraus finden, wie wir diese Beziehung kultivieren können, wie solche Beziehung aussehen können, um Schüler*innen ihr Lernpotenzial realisieren zu lassen.

Wie sollten diese Beziehung zwischen Lehrer und Schülern also aussehen?

Aus Perspektive des Lehrers: Was kann der Lehrer denn tun? Oder ist das Zufall?

Neufeld meint dazu Folgendes. Es gibt 3 einfache Punkte: man könnte fast sagen uralte „Rituale“, die aus allen Kulturen stammen und „Kultur“ gelingen lässt. Er nennt es eine „community von Verbindung“. Die Characteristica sind wie schon erwähnt, dass die Lehrer das Bindungsbedürfnis der Schüler bedienen?
Ganz einfach. So wie wir das auch privat dauernd machen.

Die einfachste Manifestation ist: Wir (er spricht von sich und den Pädagogen und Lehrern interpretiere ich), sollten sicher stellen, uns zu grüßen! Wir versuchen Augenkontakt herzustellen, Lächeln hervorzurufen, Ohne Augenkontakt gehen wir erst mal kaum miteinander in Kontakt. Das gehört intuitiv zur Kontaktaufnahme dazu.

Dann ein „Augenlächeln“ zu bekommen. Miteinander über Augenkontakt in Kontakt zu treten. Gemeinsam zu lächeln. „Das ist wie eine Einladung in meiner Präsenz zu existieren!Und das ist der herausragende Mangel/ das herausragende Bedürfnis!! Was es braucht.

So kommunizieren wir. So laden wir ein, uns zu verbinden.

Besondere „settings“

Bei Autisten geht dieses „Abholen“ natürlich anders, Augen sind zu empfindlich, oder asiatische Kinder, da geht es über die Ohren da sagt man was, was sie zum lächeln bringt, über die Ohren. Zuerst verbindung schaffen, dann unterrichten.

Anmerkung: in 50 Minuten kann er nicht alles in der Tiefe erläutern und geht hier nur kurz auf Schüler mit besonderen Bedürfnissen ein.

Der Bindungsinstinkt

Wenn wir nicht den Bindungsinstinkt „bedienen“, dann kooperieren Menschen nicht gut oder machen sogar das Gegenteil von dem, worauf wir abzielen. Dann entsteht eine Art Widerwille. Wir wollen nicht, dass jemand uns seinen Willen aufzwingt.

Diese Grunddynamik verkrüppelt das komplette Schulsystem heute. Weil wir darin versagen, das Kind in den Kontext der Beziehung mit uns zu führen. Wenn sie (die Lernenden) „dort“ (in Beziehung) sind, schmilzt alle Gegenwehr, sie wollen von uns lernen, sie geben ihr Bestes, die Schüchternheit verschwindet. Wir müssen unsere Schüler abholen und Rituale der Verbindung schaffen.

Kleine Rituale der Verbindung erfahren ist wichtig, wir benutzen Spiele dafür. Die Forschung sagt, wenn wir spielerisch sind, verbinden wir uns viel leichter miteinander.

Es gibt so viele Arten, wie wir das schaffen.

Zwei andere sind: Wenn wir eine Verbindung habe, dann müsse wir unseren Schülern zeigen, dass sie uns wichtig sind, dann sind sie in der Lage, freiwillig mit uns in Verbindung zu treten. Zum Beispiel über Abschied. „Ich freue mich dich morgen zu sehen, wir kriegen das hin..“ etc. also kommunikativ. Also eine Begrüßung und unser personalisierter Abschied.

Alle Filme über meisterhaften Lehrer basieren hauptsächlich darauf:

was einen meisterhaften Lehrer ausmacht, ist nicht Überlegenheit, Pädagogik und Curriculum sondern Großartigkeit in der Beziehungsfähigkeit und Beziehungsaufbau. Beziehungsaufbau, ob sie es bewusst tun oder nicht.

Dann Verbindungen vermitteln und aufbauen mit anderen Menschen. Wenn eine Verbindung/Beziehung da ist, dann ist das das nächste Bindungsmittel der Wahl. Weitere Bindungen aufbauen. Überall. Diese drei einfache Bindungsrituale und Punkte können unsere Schule völlig transformieren!

Das verbessert sogar Noten. Dies ist lässt sich sogar im akademischen Umfeld beobachten. So kreierst du einen Kontext, in dem jeder Student natürlicherweise lernen will. Merke: Du änderst nichts an Pädagogik, Curriculum, Stundenanzahl, du entfernst die Haupthemmschwelle, das Haupthindernis.

Es ist nicht kompliziert und machbar.

Und man muss dies nicht mit allen Schülern machen, denn manche gehen von selbst in Beziehung, manche brauchen es weniger, man muss es vor allem mit denen am Rand machen, die nicht von selbst aufblühen, sie ins Verbindunggsnetz hineinbringen. Sie arbeiten dann viel lieber, sind engagiert dabei etc.

Das ist die Macht der Bindung.

Frage: Ist es so, dass Schüler schwieriger zu unterrichten sind als vor etwa 20 Jahren?

Ja, definitiv ist es schwieriger. Trotz wachsender Erfahrung und verbesserter Rahmenbedingungen.

Hauptsächlich, weil Kinder nicht mehr so erwachsenenorientiert sind. Ursprünglich hatten Kinder automatisch eine Bindung zu ihrem adulten Umfeld. Nach dem 2. Weltkrieg in den 60iger Jahren, begann das Phänomen, dass Kinder sich um um sich selbst drehen, weil sie aus dem Gefüge/dem Orbit der sie umgebenden Erwachsenen, Eltern, Großeltern genommen wurden.

Nicht so sehr in Deutschland, wie etwa in Großbritannien. In England ist es besonders so, dass die Kinder fast nicht mehr lehrfähig sind. Wegen der Peer Orientierung. Die meisten Kinder gehen nicht zu Schule, um zu lernen sondern um mit ihren Freunden zusammen zu sein. Das passiert überall.

Heute denkt jeder, das ist normal und das war schon immer so. Aber das stimmt nicht. Die ganze Lernkultur und die Gesellschaft haben sich verändert.

Der Grund für Bindungsverhalten ist, dass wir instinktiv annehmen die natürliche Umgebung kümmert sich schon um uns. Wenn wir bindungsorientiert leben, dann springt sozusagen unser sozialer Instinkt an, wir nehmen aufeinander Rücksicht, wir kümmern uns umeinander.

Peers sind nicht dafür gedacht, diese Aufgabe zu übernehmen. Sondern Erwachsene.

Wenn wir sie also „einladen in unserer Präsenz zu existieren“, ihnen signalisieren, dass sie an unserem Tisch willkommen sind, hier gibt es Antworten im Sinne von Bedeutung für deine Sehnsüchte, Hoffnungen, Sicherheit, Wichtigkeit, dann ist das Ergebnis, dass sich ihr Lernpotential einfach entfaltet. Sie werden unsere wahren Schüler*innen. Dann wollen sie von uns lernen, unsere werte annehmen, so sprechen wie wir etc.

Frage: Warum gibt es also diese Peer Orientierung?

Das war auch ein Motor für unsere digitale Revolution. Obwohl wir (Anmerkung: Generation der Best Agers und Baby Boomer) dabei waren, diese digitalen Einrichtungen zu erfinden, dachten wir, es endet im Informationszeitalter. War aber nicht so.

Wir sind als Spezies letztendlich gar nicht so sehr an Information interessiert, weil unser Gehirn gar nicht so viele Informationen aufnehmen kann. Mehr als 95% der verfügbaren Information können wir nicht verwerten.

Wir suchen nicht Information sondern Verbindung!

Suchterzeugung und Pseudoverbindungen

Was also passiert ist, ist dass wir diese digitalen Produkte in der Schule eingeführt haben und was dann passiert ist, ist das die Schüler sie sofort als soziales Medium wiederverwenden. Und es ist suchterzeugend. Denn nichts ist suchterzeugender als das, was nur fast funktioniert.

Es funktioniert nicht richtig, weil die Schüler nicht mit denen Verbindung aufnehmen, die dazu gedacht sind, auf sie zu achten, für sie zu sorgen.

Wir haben jetzt ein weiteres ein Problem im Schulsystem: die Hauptbeschäftigung der Schüler*innen ist jetzt, sich miteinander mit ihren digitalen Geräten zu verbinden und es ist sehr schwer da durchzudringen zu ihnen. Wir müssen also ganz am Anfang anfangen. Verbindung aufbauen. Es ist so ironisch. Ich war in Kasachstan auf dem Welt Reform Education Forum. Der Trend dort war: „wir nutzen mehr Technologie für mehr Unterricht“ etc.

Aber darum geht es aus meiner Sicht nicht. Wir müssen unsere Schüler zurück bekommen und das thema ist Beziehung und Bindung. Sie einladen in unserer Existenz zu existieren.

Social Media ist wichtiger als Google!

Als westliche Gesellschaft investieren wir Milliarden in die digitale Ausstattung/Technologie von Schule. Jeder denkt, DAS ist Fortschritt.

Jeder denkt, wir sind immer noch im Informationszeitalter. Aber das hat sich verändert.

Aber Social Media ist viel wichtiger für Studenten als Google. Verbindung ist wichtiger als Information.

Wir sind so naiv zu glauben, Studenten nutzen die Technologie so, wie wir denken, dass sie sie nutzen sollten. Es ist unglaubliche Technologie, Zugang zu universeller Information, aber das Problem ist, unsere Schüler suchen digitale Intimität und alle Untersuchungen zeigen, es konkurriert mit realen Beziehung, es nimmt sie aus dem Orbit von echten Beziehungen. Ich glaube, die Schulsysteme werden merken, es wird nicht funktionieren, wenn wir keine Verbindung miteinander haben.

Teil 3 folgt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.