Was Tansania mit der Einschulung meiner Tochter zu tun hat

 

Meine Tochter kommt im September in die Schule.

Ein deutscher Arzt in Tansania beschreibt in der Magazin Beilage „Chrismon“ der ZEIT vom 4.5.2018, wie seine jungen tansanianischen Arzt Kollegen trotz Medizin Studium bei Notfällen ihr Wissen nicht anwenden können und in Hilflosigkeit verfallen.

Was das eine mit dem Anderen zu tun hat?

DarĂĽber spricht er ein paar Zeilen tiefer.

In dem Artikel steht: “…Sie schaffen den Sprung nicht, ihr Wissen anzuwenden und sich selbst Antworten zu geben“. Und jetzt kommt’s: „Wahrscheinlich ist der Grund ihre Erziehung. In der Schule hört man dem Lehrer zu und widerspricht nicht, Kreativität wird nicht gefördert. Die Vermittlung des Wissens ist kein Problem, aber die Umsetzung.“…


Da kommt meine Tochter wieder ins Spiel bzw. ihre Einschulung.

Als Pädagogin und Künstlerin graut mir ein wenig davor. Warum?
Ich habe Sorge ihre Kreativität könnte abgewürgt werden, ihre eigenen Lern Impulse durch das System, in dem sie sich anpassen muss, untergraben.

Das intuitive kindliche AusdrĂĽcken, Erfahren, Erforschen, Erkunden abtrainiert. Die Neugier platt gemacht.
Als Nebeneffekt der angewandten schulischen Lernsysthematik.
Und wenn sie das dann jahrelang mitmacht, eben wie bei den jungen afrikanischen Ärzten, ihre Lebenstüchtigkeit, ihre Intelligenz, Ihr Potenzial untergraben wird. Ihr Selbstwert und ihr Selbstbewusstsein geschmälert.

Denn das sind die wissenschaftlich belegten Auswirkungen, wenn Kinder als Objekte behandelt werden, denen etwas beigebracht werden „muss“. So wie das der Normalfall in den meisten deutschen und vielen anderen Schulen ist. Leider passiert das auch oftmals schon im Kindergarten. Und unter dem Deckmantel der FrĂĽhförderung.

Und ich frage mich: kann ich das verantworten?

NatĂĽrlich nicht!!

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle noch dazusagen, dass ich mich seit Beginn meines Studiums an der Pädagogischen Hochschule 2008 intensiv mit dem Thema Bildungsprozesse auseinandergesetzt habe. Meine Kinder artgerecht zu begleiten, war auch ein Grund für die Wahl des B.A. Abschlussarbeitsthemas, das u.a. vom Zusammenhang von Bindung und Bildungsprozessen handelte, also frühkindliche Bildung. Fach: Psychologie.

In den Jahren davor habe ich intensiv die Themen Persönlichkeitsbildung und die Auswirkungen unserer Herkunft und sozialen Umstände auf das Selbstbild erforscht. Auch als Schauspielerin in der Rollenausgestaltung und der Literatur, aber auch in verschiedensten psychodynamischen Prozessen und der damit verbundenen Reflexion habe ich mich intensiv damit auseinandergesetzt.

ZurĂĽck um Thema.

Gut, so rigide wie das vielleicht in manchen afrikanischen Schulen ist, ist die Schulpädagogik hier wahrscheinlich nicht aber dennoch….auch hier gibt es jede Menge Frontalunterricht, die Kinder sollen still sein, sitzen und im Endeffekt meistens tun, was der Lehrer sagt und zwar jahrelang oder? Genau das prangert z. Bsp. der Göttinger Professor fĂĽr Neurobiologie Gerald HĂĽther auch an unserem Schulsystem an, genau so soll Wissen auch nicht an „Subjekte“heran getragen werden laut der „Allgemeinen Pädagogik“. Und es gibt mittlerweile viele viele ExpertInnen, die die suboptimalen Bedingungen, denen unsere Kinder in der Schule oftmals ausgesetzt sind aufzeigen.

Weiter unten in dem Artikel heiĂźt es ĂĽber Tansania weiter: „Schlimm finde ich das Zeigen auf andere, wenn Fehler passieren. Ich hab noch nie gehört, dass jemand gesagt hat: das war ich. FĂĽr eine Fehlerkultur braucht man Selbstbewusstsein und daran mangelt es in einer hierarchischen Gesellschaft.“


Auch hier Parallelen zu Tansania wie ich finde: In der Schule wird gewöhnlicherweise sehr viel mit Fehlerkultur gearbeitet. Man hat z. Bsp. Buchstaben, Zahlen in einer bestimmten Zeit und Reihenfolge zu lernen. Wenn das nicht passiert, gilt man als schlecht oder bekommt schlechte Noten. Es besteht also eine bewertende Vergleichskultur, die bekanntermaßen mit Noten arbeitet.
Und die Kinder damit in eine Konkurrenzsituation bringt.

Dauernd. Systemimmanent.

Abgesehen davon, dass alle über einen Kamm gescheert werden, was Zeit und Rhythmus des Lernens der Inhalte angeht. 45 Minuten Interesse haben und dann zack zack das nächste Fach. Das entspricht in keinster Weise dem, wie erfolgreiches Lernen stattfinden soll. So kann kaum jemand in einen Lernflow kommen, der nachgewiesenermassen die Vorraussetzung für nachhaltige Bildungsprozesse ist. Abgesehen vom Spass dabei.

Bewertungen

Bewertungen wirken sich negativ auf die Lernmotivation aus, sagt die Lernforschung, im Fachjargon heiĂźt das intrinsische Lernmotivation. Sogar Lob wirkt sich so aus haben Forscher herausgefunden. Ist ja auch eine adulte, subjektive Bewertung. Oder das Gegenteil. Bestrafung.

Fehlerkultur.

Aha.

Haben wir eine Fehlerkultur in Deutschland? Ich wĂĽrde sagen, eher im Gegenteil. In Amerika ist das anders. Da gibt es sogar die Lebensweisheit: ein erfolgreicher Unternehmer hat mindesten zwei Unternehmen in den Sand gesetzt. Den genauen Wortlaut weiss ich nicht mehr aber der Sinn dahinter ist klar .

Ohne error kein success.

Neulich hörte ich in einem TED Talk, dass wir unseren Kindern erlauben sollen, alles Mögliche zu erforschen, denn in jedem erfolgreichen Wissenschaftler steckt ein Kind, dem früher erlaubt wurde zu experimentieren.
Da passt das Konzept „Fehler“ nicht dazu.

Ohne error auch kein trial.

Auch keine Beharrlichkeit folgere ich? Gehört ja auch zum Erfolg. So wie Begeisterung.
Eigentlich.
Und Freude.

Seit dem lasse ich mein drittes Kind, jetzt zwanzig Monate, wieder mehr mit dem Essen spielen am Tisch. Beim dritten Kind war unser Verständnis angesichts der zu bewältigenden Putzarbeit doch erst mal begrenzter bei den Experimenten mit Essen.

Was bedeutet ĂĽberhaupt Erfolg?

Welche unterschiedliche Formen von Intelligenz es gibt, ist ĂĽberhaupt noch mal ein ganz eigenes Thema.

Hier ein wunderbarer Kurzfilm von der Internet Plattform „Sustainable humans“ dazu, der mich sehr berĂĽhrt hat.

https://youtu.be/1OINdvK6s6U

In einschlägiger Fachliteratur ( z. Bsp. Liebe und Eigenständigkeit von A. Kohn ) liest man auch , dass Konkurrenzsituationen zu schaffen, der intrinsischen Lernmotivation abträglich ist. Das heisst, die dem Kind innewohnende Lust am Lernen verliert sich durch Vergleiche mit Anderen und dem dazu gehörenden Druck ein gutes Ergebnis zu erzielen.

Noten schaffen per se Konkurrenz.

Und Druck.

Und im Gehirn werden die gleichen Zentren aktiviert, wie bei körperlichem Schmerz.


Bildquellenangabe:Dr. Klaus-Uwe Gerhardt  / pixelio.de

 

Wie war das mit der hierarchischen Gesellschaft?

In Tansania.
Und bei uns?

Ich wĂĽrde sagen ja, auch das.
Tendenziell bestimmt.
Firmenstrukturen sind in der Regel z.Bsp.  immer noch hierarchisch aufgebaut, abgesehen von unserer Sozialisation bzw. die unserer Eltern, die sie uns mitgeben.
Und Adultismus gegenĂĽber Kindern ist sehr weit verbreitet.

Adultismus

Was das meint?
Kurz: das Gegenteil davon, Kindern auf Augenhöhe und gleichwürdig zu begegnen.
Sie nicht zu Objekten zu machen, wie o.a. Hirnforscher Prof. HĂĽther immer wieder zu betonen pflegt.
Eben, um ein erfolgreiches Leben zu fĂĽhren! DafĂĽr mĂĽssen Kinder als gleichwĂĽrdig betrachtet und behandelt werden.

Und wir wünschen uns doch schliesslich alle, dass unsere Kinder möglichst ihr ganzes Potential entfalten können, um ein erfolgreiches, glückliches und selbstbestimmtes Leben zu leben!

Sind wir  ja vielleicht gar nicht so weit entfernt von Tansania?

ZurĂĽck zur Einschulung
Es gibt hier eine freie aktive Schule, in der wir leider keinen Platz bekommen haben und eine Waldorfschule, die meine Tochter jetzt besuchen wird. Eine Klassenlehrerin, die sich beim Elternseminar dort vorgestellt hat, sagte: Man wisse ja heute, dass Hausaufgaben pädagogischer Unsinn seien ( bei Interesse einfach googeln, da findet man viel).

Dass in ihren Klassen “alles, was die SchĂĽler machen schön und gut sei“.
Das klingt schon mal gut. Vielleicht klappt es ja, dass wir in ihre Klasse kommen.

Vielleicht nicht. Wir werden sehen. Ich kenne das Waldorfschulsystem ganz gut und vieles finde ich erst mal ansprechend.
Manches aber nicht. Habe z. Bsp. Sorge, dass Kinder bestraft werden, die Bewegungsdrang haben. Die (noch) nicht gut lange still sitzen können. 32 Kinder im Hauptunterricht. Wow…Unsere Tochter kennt das von uns gar nicht, das System Strafe und Belohnung.

Man hört und liest viel Unterschiedliches über Schulen, Waldorfschulen aber auch Lehrer im Allgemeinen. Das scheint mir sehr individuell zu sein. Abgesehen,  von der eigenen empirischen Erfahrung. Wir hatten ja alle LehrerInnen, die waren irgendwie cool, da hat es Spass gemacht und LehrerInnen, da war der Unterricht umsonst. Abgesessene und verschwendete Zeit. Das möchte ich meine Kindern gern ersparen und die Zeit besser und kreativer nutzen.

Ich hoffe sehr, dass wir ein(e) wertschätzende KlassenlehrerIn bekommen, mit der „wir“ ja dann theoretisch acht Jahre zu tun hätten, wie das an Waldorfschulen ĂĽblich ist.

Und dementsprechend theoretisch eine gute Beziehung aufbauen könnten, was laut Neurowissenschaften mit das Wichtigste ist für erfolgreiches Lernen.
Eine warme Beziehung.
Ich bin gespannt auf die Praxis.

Eine schöne Klassengemeinschaft wäre schön, wenig Konkurrenz unter den Schülern und eine liebevolle Lernumgebung.

Ein Interview mit dem Kinderarzt H. Renz-Polster zum Thema:

https://www.kinder-verstehen.de/aktuelles/bildung-ist-wie-ein-haus-zuerst-braucht-es-ein-gutes-fundament

 

Wer hat hier eigentlich die Verantwortung, Eltern oder Staat?

Diese „Vielleicht-Faktoren“  bzgl. der Umgebung, in der mein Kind demnächst einen Grossteil seiner Zeit verbringen muss… das fĂĽhlt sich irgendwie schräg an. Ist doch unser Kind. Wir haben die Verantwortung. Oder nicht?

Gebäudeanwesenheitspflicht, Schulpflicht. Sitzpflicht.  Am liebsten würde ich mein Kind erst mal zu Hause lassen. Ohne Schule. Lernen funktioniert bei uns super auf freiwilliger, freudvolle Basis.

Ob Lesen, Schreiben, Rechnen, Erdkunde, Naturkunde, Musik, Sport. Wir begleiten die Kinder in den Themen, die sie gerade beschäftigen und geben den einen oder anderen Impuls. Stellen Material und Raum zur Verfügung. Ganz natürlich.

Zum Bsp. haben wir das Entwicklungsfenster (nach M. Montessori) zwischen zwei und drei Jahren genutzt und mit den Kindern spielerisch und ganz leicht alle Buchstaben gelernt. (Hier kommt noch ein Link, wie das wirklich ganz einfach ging, ohne Druck und so)

Mit vier haben die zwei Grossen  von selber angefangen zu schreiben und zu lesen. In ihrem eigenen Tempo. Sie sind interessiert an Allem. ( Hier kommt noch ein link zu unseren Materialien ) . Und das ist ganz normal und nichts Besonderes.

Tja. Is nix mit schulfrei oder homeschooling in Deutschland. Drum herum in Europa geht es ĂĽberall..seufz…

Aber vielleicht muss ich mir ja auch gar nicht so einen Kopf machen um all das.

Schließlich entwickeln wir Menschen ja in förderlicher Umgebung auch so was wie Resilienz gegenüber nicht ganz optimalen Bedingungen. Und mein Mann und ich haben das sehr im Auge beim Heranwachsen unserer Kinder. Sie zu stärken in ihrem Sein. In jeder erdenklichen Hinsicht. Körperlich, geistig, entwicklungs- und lernpsychologisch.

Resilienz entwickeln
Das Wahre Gute und Schöne

zu nähren.

Ästhetische Erziehung heisst das bei den Pädagogen. Bzw. bei Schiller.
Mir gefällt besser: Ästhetische Bildung.
Das klingt nicht so nach “ ziehen“.

Und es gibt einiges Schönes und Wertvolles an der Waldorfschule, wie ich finde. Zumindest potentiell. Erstmal Verzicht auf Noten. Individuelles Lerntempo. Naturbezug. Nachhaltigkeit. Kreativität hat viel mehr Raum. Aber eben auch einen gewissen Zwang.

Ganz auf die Schule verzichten möchten/können wir momentan nicht. Wir hoffen, es gibt eine lebbare Zwischenlösung für uns.

Gleichaltrigenorientierung/ Peergruppe

Das Thema kennt auch jeder, der Kinder hat.

Wenn man Kinder beobachtet, fällt auf, welchen Einfluss Menschen, Institutionen und/oder Gruppen in denen sie sich aufhalten, auf sie haben.

Noch mehr, wenn man das mit einem fachlichen Blick und etwas FeingefĂĽhl tut.
Schliesslich geht es ja um ihre Zukunft.
Und ich frage mich als in Deutschland lebende Mutter, warum hier noch so viele antiquierte Strukturen herrschen, wie eben zu viele Hausaufgaben an den Schulen, während es in anderen Ländern, u.a. Finnland grosse Erfolge mit neuen Lernformen und Lernumgebungen gibt und diese uns auch in der Pisa Studie locker abhängen. Wobei mich persönlich die Pisa Studie nicht interessiert.

Aber sowas zieht eben in der Ă–ffentlichkeit.

Oder warum die öffentliche Meinung und politische Entscheider immer noch davon ausgehen, es wäre für Bildung förderlich, Kinder am besten ganztags ausserfamiliär zu betreuen und zu beschäftigen, auch wenn Hirnforscher und Lernforscher das Gegenteil predigen.

Und ich rede hier nicht von Migrantenkindern, die kein deutsch können oder Kindern, denen sonst die öffentliche Teilhabe gänzlich verwehrt bliebe. Und ich rede auch nicht von den 120 000000 ( ja! 120 Millionen) Kindern auf der Welt, für die es ganz sicher toll wäre ÜBERHAUPT in eine Schule gehen zu dürfen.  Und auch nicht von hochbegabten Kindern, die sonst zu Hause ihre Eltern in den Wahnsinn treiben würde , wenn sie nicht ausreichend geistiges Futter bekommen. Es gibt immer viele Wege in verschiedenen Settings und verschiedene Bedürfnisse.

An dieser Stelle noch ein Interview zum Thema Frühförderung:

https://www.kleinezeitung.at/lebensart/familie/erziehung/5123489/Was-Kinder-stark-macht_Foerdern-ist-das-Schlimmste-das-man-machen-kann

Davon auszugehen, Ganztagsbetreuung wäre grundsätzlich ein Bildungsvorteil, stimmt also so nicht. Ganz und gar nicht. Nicht nur bildungstheoretisch sondern auch bindungsorientiert betrachtet.
Und da vor allem U3. Da wird ein Grundstock gelegt. Aber auch danach.
Wer die Studien von bsp. Prof. Rass oder Prof. Ahlert kennt, weiss was ich meine. Denn vor der Bildung kommt die Bindung. Punkt. Basta. Ende der Diskussion.

Beginn der Auseinandersetzung mit dem Thema. Im Idealfall.

Aber das ist ein anderes Thema. Stressauswirkungen auf Bildungsprozesse beispielsweise. Der Zusammenhang zwischen Bindung und Bildung. Bildung und körpereigenen Cortisolspiegeln.

Es gäbe hier noch Einiges an zu merken, wie etwa die Auswirkungen von Heimunterricht. Und warum amerikanische Universitäten sehr gern auf diese Art sozialisierte Studenten aufnehmen. Denn diese sind eigenständiger in ihrem Denken. Innovativer. Kreativer. Mehr Denken outside the Box.

Aber jetzt sind meine Kinder wach, stehen vor mir mit ihren strahlenden Ă„uglein und sind neugierig, warum Mama schon auf ist.
Und ich kann wahrscheinlich keinen einzigen Satz mehr schreiben, ohne unterbrochen zu werden.
Es ist 7 Uhr morgens und gestern bin ich um 21 Uhr totmĂĽde ins Bett gefallen. Mein Alltag ist anstrengend.

Das habe ich mir selbst so ausgesucht. Und meistens bin ich damit sehr glĂĽcklich.

Denn wie heisst es so schön: jedes Kind bringt ein Stück vom Himmel mit. Und ich habe gleich drei davon❤💖♥

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