Mein Sohn mag rosa Nagellack

Ein Beitrag zur Genderdebatte

„Mama, Feline hat gesagt, Jungs können keinen Nagellack tragen!“

Aha.

Das erzählt mir meine Tochter vor ein paar Tagen. Feline ist die zwei-Wochen Praktikantin im Waldkindergarten.

Ich spüre, wie Ärger in mir hochsteigt über diesen Satz der Praktikantin. Schon wieder ein Beispiel, wie verankert Rollenklischees und Schubladendenken bezüglich festgelegtem Geschlechterverhalten in unserer Gesellschaft ist. Und wie ungefiltert sie einfach auf unsere Kinder losgelassen werden. Aber ich weiss:das Leben ist kein Ponyhof und so…

Mein Sohn und meine Tochter waren an dem Tag beide mit rosa lackierten Finger- und Fussnägeln im Kiga gewesen.

Mein vierjähriger Sohn trägt auch gern mal ein rosa Prinzessinnenkleid aus der Kostümkiste. Neulich ist er damit sogar mit einer coolen Sonnenbrille kombiniert aus dem Haus gegangen.

Wir ermutigen ihn nicht dazu.

 

Aber wir reden ihm da auch nicht rein. Er ist noch so klein und soll alles ausprobieren dürfen.

Und es gibt z.Bsp. auch drei Piratenkostüme und ein Drachenkostüm in der Kiste.

Die zieht er auch gern an.

Aber diese rosa Kleider findet er einfach schön. Rosa, Rüschchen, das Weiche, Plüschige….

„Selbstlieberosa“ hat meine schamanische Lehrerin gesagt, als meine Tochter sich im gleichen Alter (vier) in ihrer Mädchengruppe ganz rosa angemalt hatte.

In den Kindergarten traut er sich aber nicht im Kleid.

Hat schon gemerkt, dass das nicht so gut ankommt..

Ein anderer Junge hatte mal eins an und ein paar Kinder haben sich lustig gemacht. Das hat er sich gemerkt.

Peergruppendruck.

Macht auch unfrei.

In dem Alter?

Tja. Durchatmen.

Jungs sind so und so…. Mädchen sind so und so..

Mir macht das Thema seit geraumer Zeit Bauchweh…

Weil wir gesellschaftlich so leicht festgelegt werden in unseren Rollen. Nicht erst seit es extra Einhornkekse in rosa für Mädchen und Piratenkekse für Jungs gibt. Echt voll die Konsumverarschung.

Nicht erst, seit ich die neueste Plakatwerbung (Mai 2018) eines französischen Zigartettenherstellers gesehen habe, auf der folgendes Fotomotiv ist:

Zwei junge Frauen räkeln sich lasziv auf einer Autorückbank. Eine zieht sich Jeans und Unterhose mit der Hand leicht nach unten. Beide sind oben rum leicht bekleidet.

Drüber der Slogan: Freiheit. Immer.

Aha.

Was soll das denn bitte für eine Art Freiheit sein?

Und:

Würde Das Unternehmen das gleiche Motiv mit zwei Männern als Werbung schalten?

Bestimmt nicht. Ist ja ein Zigarettenhersteller.

Männer sind da bekanntermassen eher die Cowboys.

Und: Was sage ich denn meiner Tochter, wenn sie mich fragt, was die Frauen auf dem Bild da machen?

Stresstest für die Unterwäsche???

Überhaupt sehe ich viele solche Werbeplakate irgendwie mit Unbehagen, seit ich Kinder hab.

Wenn ich mir vorstelle, wie das mit Kinderaugen betrachtet wirken muss. So ein Bild wirkt ja auch nonverbal. Hat eine unausgesprochene Botschaft. Zeigt ein Frauenbild. .

Oder Männerbild.

Vermittelt ein sogenanntes „Körperschema“.

Mal abgesehen von GNTM. In dem Alter sind wir noch nicht und Fernsehen gibt es bei uns quasi eh nicht.

Zurück zur Werbung

In der ganzen Stadt hängen mehr oder wenig leicht bekleidete Frauen.

Manchmal auch ein Mann.

Leicht bekleidet. Lüstern, geil , sich anbietend

oder

auch beliebt:

halbnackte und obercool bzw. grimmig kuckende Menschen.

Natürlich alle ausschliesslich schlank.

Stereotypen

Ich will nicht, dass meine Kinder sich an solchen Stereotypen orientieren müssen, mangels Alternativen.

Ich möchte und wünsche mir, dass sie sich da von ihrem Herzen und ihrem Verstand leiten lassen.

Davon was ein Mensch mitbringt und nicht wie er oder sie aussieht und ob er einem vorherrschenden Schönheitsideal entspricht.

Versteht mich nicht falsch. Es geht hier nicht um Schönheit, sondern um Oberfläche. Um Konsum. Werbung.

Ich schätze Schönheit in all ihren Facetten.

Kleines Gedankenspiel.

Auf der Rückbank des Autos räkeln sich leicht bekleidet Markus Söder und Angela Merkel.

Hihi.

Ist das jetzt respektlos?

Nein.

Das ist witzig.

Aber würdelos ist das schon, finde ich! Brauchen wir so einen Vergleich, um zu checken, dass solche Motive eins sind: nämlich sexistisch?

Eine offene Positionierung von Sex zum Zwecke des Konsums.

Mal Klartext: Diese Darstellung von zumeist Frauen in sexuell aufreizenden Posen. Nicht das ich was gegen Sex habe aber:

die Signalwirkung, die von  dieser Anhäufung solcher Motive ausgeht ist auch eindeutig.

Eindeutig verantwortungslos.

Unseren Kindern und Jugendlichen gegenüber.

Junge Menschen, die sich rein von ihrer Entwicklung her an den Vorbildern um sie herum orientieren

„müssen“ (neurologisch und psychologisch)

auf der Suche nach ihrer eigenen Identität

sind diesem Werbemüll ungefragt ausgesetzt.

Viele Jahre.

Die Werte, die sie tragen, um glückliche, reife und in jeder Hinsicht kompetente Mitglieder dieser Gesellschaft zu werden, heissen aber nicht:

Sex und

Coolness

Oberfläche

Und sich Anbieten.

Sondern….

vielleicht Selbstliebe?

Womit wir auch wieder beim rosa Kleid sind.

Selbstlieberosa….

Und wenn wir einfach aufhören unseren Kinder zu erzählen, was  „“normal“ ist und was nicht?

Sie einfach entdecken lassen, was ihnen selbst gefällt. Was ihre eigene Wahrheit ist. Ohne es gross zu kommentieren.

Ohne Beeinflussung und Manipulation von aussen.

Uns ein Beispiel nehmen an ihrer Unvoreingenommenheit.

Offenheit.

Und ihrer unverdorbenen Selbstliebe.

Ich frage mich: wie könnten Plakatmotive aussehen, die jungen Menschen positive, ermutigende Botschaften zeigen?!

Ist dann halt nicht sexy.

Gesamtgesellschaftlich wäre das aber von Interesse.

Für eine Gesellschaft, die auf Selbstliebe aufbaut und nicht auf Oberfläche vielleicht?

Für die Gesellschaft und die Generation von morgen

Wie schreibt der Hirnforscher Manfred Spitzer in der Titelstory der Maiausgabe eines bekannten deutschen Wochenmagazins so schön:

„Einsamkeit ist das neue Rauchen.“

Aha.

Einsamkeit.

Wenn das mal nicht auch mit Oberfläche und Konsum zu tun hat.

Tja.

Selber schuld.

Ende.

 

Upate: Mein Sohn IST damit in den Kindergarten! Aber „nur“ zum Abholen einer Freundin. Mit mir und seinen Geschwistern als Verstärkung. Ich hab richtig gemerkt, wie er überlegt hat, ob er so gehen kann. Hat keiner blöd reagiert. Aber in der Kindergruppe unter sich, wäre das vielleicht anders gewesen…

Noch ein Update. Sohnkind ist diese Woche ( 2. Juli Woche ) zwei Mal den ganzen Tag im lila Kleid im Kindergarten gewesen. Yeah. Mutig. Trotz des einen oder anderen blöden Spruchs. Anerkennung gabs auch : )

P.S. Offensichtlich werden jetzt extra Schulbücher gedruckt, die Mädchen mit Prinzessinengeschichten und Jungs mit Piratengeschichten zum Lesen motivieren sollen😣🤤. ( Leider finde ich den Link nicht mehr zum Beitrag in der ZDF Mediathek)

Abgesehen von der Genderdebatte: wieder wird das Pferd in der Bildungsdiskussion von hinten aufgezäumt. Wie intrinsische Motivation entsteht, das wird leider völlig vernachlässigt vor lauter Ganzstagsausbau und Förderwahn : (.

Darüber habe ich auch hier  geschrieben:

Was Tansania mit der Einschulung meiner Tochter zu tun hat

 

 

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