Der ideale Einschulungszeitpunkt oder warum Dein Kind keine Hollandtomate ist

Den idealen Einschulungszeitpunkt, gibt es den?

Die Schulpflicht hat dieses Jahr unwiderruflich den Einschulungszeitpunkt für unsere Tochter festgelegt. Nächsten Monat wird sie sieben.  Das Alphabet kennt sie, seit sie drei ist, Lesen und Schreiben hat sie mit vier begonnen. Warum also haben wir sie erst mit sieben eingeschult?

Gibt es den idealen Einschulungszeitpunkt

Ist eine frühe Einschulung ein Bildungsvorteil für das Kind? Hat mein Kind Nachteile, wenn es ein Jahr länger im Kindergarten oder zu Hause bleibt?
Tja. Schwieriges Thema. Manchmal gibt’s nichts dran zu rütteln, dann ist völlig klar – das Kind muss in die Schule, weil der Job, die Trennung, was auch immer es nicht anders zulässt. Was aber, wenn wir die Wahl haben?
Vielleicht sogar dem Kind die Wahl überlassen? Kann es doch gar nicht absehen, was das bedeutet!
Außer, der beste Freund, die beste Freundin wird auch eingeschult. Dann ist klar, Schule bedeutet zusammen sein können, WENN es denn die gleiche Schule ist.
Also, ein ziemlich individuelles Herangehen ist gefragt.

Gibt es ein Rezept?

Gibt es denn keine allgemeiner gültige Herangehensweise dazu?
Doch, das gibt es wohl! Denn vertieftes Spielen und Begeisterung sind laut der Hirn- und Lernforschung die Lernbooster schlechthin. Auch die Motivation Sachverhalte zu verinnerlichen, hängt vom persönlichen Bezug und echtem Interesse ab. Letzteres entwickelt sich von innen, nicht von außen durch z. Bsp. die Lehrer oder den Lehrplan.
Warme Beziehungen sind quasi das Sahnehäubchen für die perfekte Lernumgebung. Und ja, es gibt natürlich tolle, engagierte Lehrer mit Herz.

Dennoch, das freie Spiel und Entdecken bietet dem menschlichen Gehirn die perfekte Ausgangslage, um sich zu entwickeln. Dass das Spiel als solches noch nicht Eingang in den Katalog der so genannten „Frühförderung“ gehalten hat, zeigt wie träge die institutionellen Mühlen und Konzepte malen. Oder vielleicht, weil es da nicht so viel zu fördern gibt, außer einen kindgerechten Entdeckungsraum zur Verfügung zu stellen. Und zurückhaltende Lernbegleiter*Innen.
Dann würden nämlich sämtliche von außen eingeführte „Massnahmen“ zugunsten einer freien Lernumgebung einfach wieder abgeschafft werden.

Denn Spielen feuert die Bildung neuronaler Netzwerke an wie Dünger.
Spielen IST Dünger fürs Gehirn.
Nicht von 8.30h – 12h sitzen und im Fünfundvierzigminutentakt unterschiedliche Fächer abhaken, in denen alle Kinder die gleichen Lernziele zu erreichen haben. Nein!!
Spielen und in einen Flow kommen fördern die Bildungsprozesse. An anderer Stelle habe ich schon einmal den TED Talk (https://drei-leben-mehr.com/was-tansania-mit-der-einschulung-meiner-tochter-zu-tun-hat/#more-401) erwähnt, in dem u.a. darüber berichtet wird, wie wichtig das trial and error, das Ausprobieren ist, um erfolgreich sein zu können.
Nicht der Rotstift, der die Fehler markiert oder die Smilies, die das richtige Lösen der Aufgabe bewerten -nein: Spielen!!!
Gönnen wir unseren Kindern ein Jahr mehr Kindergarten, wenn es machbar ist und wenn das Kind dort glücklich ist.

Sicher, es gibt Schulen, die beschreiten glücklicherweise neue Wege aber es sind noch sehr wenige und sie sind in den allermeisten Fällen doch noch an einen Lehrplan gebunden.
Ja ich weiß. Waldorfschulen nehmen lieber Kinder, die Richtung sieben Jahre tendieren. Das finde ich auch gut. Die Kinder müssen da ja auch im Hauptunterricht mit ca. dreissig anderen Kindern in einem Raum sitzen können. Vor allem für viele Jungs eine grosse Herausforderung.

Unser mittlerer Sohn, noch 4, beim freien Lesen üben über einem Kinderweltatlas.

In vielen freien Schulen wird sowieso viel gespielt. Auch toll. Das nur aus Vollständigkeitsgründen.
Manche hochbegabte Kindern sind wahrscheinlich auch in jüngeren Jahren dankbar für den geistigen Input und die Struktur, die ihnen Schule bieten kann.

Angst versus Vertrauen

Aber liebe Eltern, lasst nicht Eure Angst, euer Kind könnte einen Bildungsnachteil haben, den Einschulungszeitpunkt bestimmen.
Das ist Eure Angst. Informiert Euch, was Bildungsprozesse fördert und ihr werdet sehen, dass es in aller Regel ganz sicher nicht der früheste Einschulungszeitpunkt ist. Nein!
Kindliche Entwicklung, kindliche Hirnentwicklung läuft nach anderen Parametern ab als schneller-höher-weiter. Und in den Regelschulen müssen die Kinder jeden Nachmittag zu Hause durchaus viele Hausaufgaben machen, die ihr mitbegleiten müsst. So wie ich das erlebe, ist es für viele Eltern ganz schön stressig dieses häusliche Schaulaufgabenpensum zu begleiten. Mal ganz abgesehen von den Kindern.

Die Gesellschaft von morgen, die Wirtschaft von morgen brauchen gereifte, selbstbewusste Persönlichkeiten, die nicht wie eine Hollandtomate möglichst schnell nach oben gezogen werden.

Fast Learning versus Vertrauen

Genauso wie dem Körper Fast Food nicht gut tut, so tut dem Geist auch kein „Fast Learning“ gut. Ist auch nicht nachhaltig. Spielen, DAS ist nachhaltig.
Für das ganze Leben. Denn alles baut auf den Anfang auf.
Vertrauen wir unseren Kindern und pushen nicht, wo nicht von selber der Wunsch da ist unbedingt in die Schule zu wollen, denn solche Kinder gibt es natürlich auch. Hören wir gut hin, ob es wirklich der Wunsch des Kindes ist oder ein Nachplappern von „Influencern“.

Denn das Gras wächst bekanntlich nicht schneller, wenn man daran zieht.
Herzensgrüsse
Daniela

P.s.: Wie wir unseren Kindern früh und mit Leichtigkeit und ohne Druck oder Belohnungssystem Lesen und Schreiben nahe gebracht haben, beschreibe ich in einem der nächsten Blogposts. Es gibt da nach Montessori ein Lernfenster über das nicht so viele Leute Bescheid wissen.

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