Das böse Kind

Hauen, beissen, schlagen

„Zuerst hat er ihn mit Dreck beworfen und dann ist er weinend weggelaufen!“ erzählt mir empört der Papa von Xy.

Und er betont es so, als ob mein Kind (20 Monate), sein Kind (14 Monate) in bösartiger Absicht,

sozusagen um ihm weh zu tun,

erst mit Dreck beworfen hat und dann,

um es „immer noch böswillig“ zu verschleiern,

weinend zu mir gerannt kommt.

Der andere Junge weint auch.

Hat Erde in die Augen bekommen. Das tut ihm weh. Klar.

Die Szenerie, die dem vorausging: Beide Kinder waren unter ein paar Bäumen gewesen während wir mit den grossen Geschwistern fünf Meter weiter beschäftigt waren.

Die Kleinen waren unter sich sozusagen.

Was dann passiert:

Ich nehme mein weinendes, erschrockenes Kind auf den Arm und tröste es. Zeige ihm den anderen weinenden Jungen. Ohne Schimpfen.

Erkläre ihm ruhig, warum der Junge wohl weint und erzähle das Geschehen nach, indem ich versuche zu „spiegeln“ was passiert ist.

Das klingt ungefähr so:“ Xy weint, weil er Erde in die Augen bekommen hat. Du hast Dich erschreckt, weil er weint? Du hast mit Erde gespielt und sie zu ihm geworfen.

Ich könnte auch „auf“ sagen , bin mir aber sehr sicher, dass er sie eben nicht „auf“ sondern zu ihm geworfen hat, um mit ihm Kontakt aufzunehmen.

D.h. ich beschreibe so gut ich kann wertfrei, was passiert ist. Ohne Interpretation.

Warum? Er hat ja nichts falsch gemacht. In seinem Ermessen, in seinen Möglichkeiten hat er Kontakt aufgenommen. Sonst nichts.

Es hat ja auch gar keinen Sinn ihm zu sagen: wirf nicht mit Erde!

Er ist noch so klein. Er versteht „nicht“ nicht.

Daher probieren wir auch immer zu formulieren, WAS wir wollen und nicht was wir nicht wollen von unseren Kindern.

Das können sie kognitiv einwandfrei verstehen.

Oder probiere Du liebe/r Leser/in doch mal jetzt NICHT an einen rosa Elefanten zu denken : ).

Denken Sie jetzt nicht an einen rosa Elefanten.

Im Ernst. Nicht nur aus dem NLP ist das bekannt, auch aus der Hirnforschung.

Kleinstkinder hören das „nicht“ nicht!!!! Bzw. sie können das nicht begreifen. Noch nicht. Und dann wundern sich viele Eltern, dass ihr Kleinkind genau das tun, was es nicht soll. Im Ernst.

1000 Mal beobachtet. Und ich meine jetzt nicht das Spiel, das Kinder manchmal daraus machen. Ich rede von unter Zweijährigen, die „nicht“ nicht abstrahieren können kognitiv. Und von Erwachsenen dann beschimpft werden dafür. Es ist immer noch so wie Rousseau Ende des 18. Jahrhunderts schrieb: “ man kennt die Kindheit nicht“.

Weiter in der Waldszene:

Der Papa von Xy kommt her, greift meinem Sohn ins Gesicht und sagt immer noch vorwurfsvoll: na so was macht man aber nicht. Und der Ton dazu!

Mir schwillt der Kamm. Grrrrrhh!!

Warum ich nicht sage: Finger weg von meinem Kind Du Vollpfosten!?

1. Er hat zu kurz hingefasst. Ich war schlicht und ergreifend zu irritiert in dem Moment über diese Haltung, um gleich zu reagieren.

Das Wesentliche dabei:

( abgesehen vom wording)

Der Vater glaubt wirklich, dass mein Sohn die Erde aus Gemeinheit geworfen hat und kann sich absolut nicht vorstellen, dass das

a) ein Spiel war, weil ein Kind in dem Alter nocht nicht weiss, dass das für jmd. Anderen unangenehm sein kann

und

b) eine nicht unübliche Kontaktaufnahme in dem Alter ist, wenn und weil die Kinder noch nicht sprechen können aber spielen möchten.

2. Der Vater wirklich keine Ahnung hat , von Entwicklungsphasen und kognitiven und sozialen Fähigkeiten von Kindern in dem Alter.

Wie ich mit meinem Sohn nicht schimpfen kann, dass irritierte ihn offensichtlich und es war auch eine Vorwurfshaltung mir gegenüber zu spüren. Tja, ich bin die Mutter, die ihre Kinder nicht richtig erzieht☺. Ja, ich dressiere meine Kinder nicht und wir vertreten die Haltung „Beziehung statt Erziehung“. Vorbild sein statt Bewertung.

Schwarze Pädagogik aus Nichtwissen

Das Thema dieses Textes : Die Haltung und Überzeugung, dass Kinder nicht von Grund auf gut sind, sozial sind und kooperativ, sondern ihren Willen durchsetzen möchten und Machtspiele spielen, sowie uns austesten etc.  Dass man ihnen beibringen muss, wie sie sich zu verhalten haben, weil sie als egoistische Wesen auf die Welt kommen.

Eine Grundhaltung der sog. schwarzen Pädagogik. Und Stand des letzten Jahrhunderts.

Das übergeordnete Problem, dass ich dabei sehe und mit dem wir Menschen dauernd konfrontiert sind:

Unwissen.

Schlicht und ergreifend.

Falsche Ausgangslage.

Hier: Nichtwissen über die intrapsychische Struktur des Menschen, indem Fall

–  kleiner Menschen.

Ein negatives Menschenbild, dass daraus resultiert.

Scheisse.

Ein paar Tage ist mir das noch nachgegangen, ich habe Whatsapp Nachrichten im Kopf formuliert und wieder verworfen.

Ein paar Mal.

Wir laufen uns nämlich immer mal über den Weg und eigentlich kläre ich sowas gern bzw. spreche drüber. Vorsichtig. Will ja niemand belehren…

Schlussendlich habe ich bisher nicht noch mal Kontakt aufgenommen, um die Situation nachzuarbeiten.

Warum????

Tja, das ist, wie wenn ich einer Biene chinesisch beibringen wollte.

Sie versteht es einfach nicht, weil sie in einem ganz anderen Universum lebt.

Gefühlt: verschwendete Energie.

Von mir.

Aber das nächste Mal werde ich sofort darauf reagieren und die richtigen Fragen stellen bzw. die Situation spiegeln

“ ich habe den Eindruck, Du denkst … hat absichtlich…?“

Und dann erklären, was die Entwicklungspsychologie da für Erläuterungen bereit hält.

Es ist aber so verdammt schwer, es nicht belehrend klingen zu lassen, wenn jemand ahnungslos ist bzw. auf einem anderen Planeten lebt.

Nicht in meiner Galaxie, auf dem Attachment Stern oder soll ich besser sagen „Bedürfnismilchstrasse ( bin Langzeitstillmama) mit gewaltfreier Geschwindigkeit verbunden über nichtdirektive Bahnen.

Oder besser: Alternative B

Von mir reden: “ Es macht mich total betroffen, dass Du offensichtlich glaubst, … macht aus Böswilligkeit…“

„Mein Mann und ich setzen Grenzen lieber nichtdirektiv, ohne Schuldzuweisung und Beschämung und körperliche Übergiffe.

Ich möchte natürlich auch nicht, dass Dein Kind Schaden nimmt oder Schmerzen hat!“

Aber das „wie“ ich bei meinem Kind interveniere und ihm zeige was ich möchte oder nicht, ist ein ganz anderer Weg. Ein mitfühlender Weg.

Natürlich gibt es auch in meiner Galaxie Sackgassen und schwarze Löcher.

Bei Schlafmangel und Dauerstress besonders gepaart mit Rückenschmerzen. Zu wenig Pausen.

Werd ich selber auch gern mal zu einem schwarzen Loch.

Und der andere Papa möchte ja nur sein Kind beschützen.

Nur: das wollen viele auf diesem Planeten:

Von der falschen Ausgangslage ausgehend, sich und ihr Umfeld beschützen und die anderen zu „Feinden“ deklarieren.

Zu Tätern.

Sich zu Opfern.

Und hier fängt es an richtig spannend zu werden.

Jenseits von Kleinkindkommunikation.

Ein Spiel, dass wahrscheinlich fast so alt ist wie die Menscheit.

Das niedere Drama.

Der Dualismus von Opfer und Täter.

Täter und Opfer.

Und ja: erst heute bin ich auch wieder so richtig in die Opferrolle eingetaucht.

Im Streit mit meinem Mann.

Seufz.

Das ist halt auch alles nicht so ganz leicht.

Für keinen von uns.

Und ich hab an der Stelle auch ein gewisses Mass an Verständnis mit dem Papa von J.

weil

Leider gibt es das Fach „Kinderkunde“ ja nicht in der Schule.

Oder den Elternführerschein.

Oder ein vom Staat finanziertes, kostenloses Seminar:

Elternschaft aus dem Herzen – gewaltfrei und bedürfnisorientiert für die ganze Familie.

Glück durch Bildung. Das Nachhaltigkeitspaket für die ganze Familie.

Das wärs..seufz .

Und die wenigsten konnten am Modell ihrer Ursprungsfamilie, meint mit den eigenen Eltern, sehen und lernen wie das geht:

Eine harmonische, liebevolle Beziehung aufbauen.

Und so schlittern die meisten rein in das Eltern Dasein.

Wenn man sich dann nicht weiterbildet oder sich damit beschäftigt, steht man ganz schön bedröppelt da manchmal.

Bzw. das Kind.

Denn das ist ja abhängig von uns Erwachsenen und sollte darauf bauen können, dass wir kompetent sind.

So kompetent, um die kindliche Kompetenz zu wissen.

sozusagen.

Um Jesper Juuls Wording zu benutzen.

Das kompetente Kind.

Aber: es tut sich was: Elternblogs, Pädagogenblogs, Artgerecht, bedürfnisorientiert, Attachment Parenting, bindungsorientiert, gewaltfrei.

Schulfrei.

Unerzogen.

Beziehung statt Erziehung.

Gott sei Dank.

Frieden statt Krieg.

Zumindest die Chance darauf.

Schön wär’s schon …

und nötig

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.