Mama am Rande des Nervenzusammenbruchs

Der ganz normale Wahnsinn

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Es war kurz vor Weihnachten.

Der ganz normale Wahnsinn.

Wochenlang sich abwechselnde Infekte bei drei Kindern, ich selbst drei Wochen am Stück krank. Die! Geschenkefrage und Organisation, die alltägliche Anstrengung drei Kinder durch die Gegend zu kutschieren. Ja selber schuld – ich weiß – hätten wir Grundschule und Kindergarten um die Ecke gewählt, dann wäre alles einfacher. Am Nachmittag kommen die großen Kinder teils mit ihrem eigenen Frust wieder nach Hause. Wenig Zeit für Begegnungen. Viel Trubel. Gerade in der Weihnachtszeit. Blöd. Nächstes Jahr mach ich das anders… am Nikolaustag war ich soviel unterwegs, dass ich an einem Tag zwei Mal geblitzt wurde.

Atemlos durch den Tag… großes Kino für uns vier.

Zudem: Die dunkelste Zeit des Jahres. Wenig Zeit für Bedürfnisse der Mama, der Eltern. Mit anderen Worten: ANSTRENGEND!!!

Und um mich herum schien es vielen Mamas so zu gehen. Als ich mich mit drei Freundinnen zum Essen traf, veranstalteten wir ein Pfeifkonzert. Wir pfiffen alle aus dem allerletzten Loch.

Ich habe zwar mittlerweile einen integrierten Dankbarkeitsmuskel im Gehirn aber ganz ehrlich: irgendwann ist auch das bewusste dankbar sein nur eine Strategie, die nicht mehr so richtig greift. Dennoch rettet sie mich oft vor schlechter Laune und bringt mich zurück zur Eigenverantwortung und dem, was ich aktiv tun kann, um eine positive Veränderung zu erreichen.

Dreitageskurs Vipassana Meditation

Um aufzutanken, bin ich also am 20.12. für drei Tage zum Meditieren gefahren. Es fühlte sich zwar merkwürdig an, alles einschließlich der letzten Weihnachtsvorbereitungen und den drei Kindern meinem Mann zu überlassen aber mir ging es echt nicht gut und der Meditationsplatz für die Vipassana Meditation will auch bereits drei Monate vorher gebucht sein, sonst ist alles sofort ausgebucht.

Dann ist tatsächlich noch unser Auto kaputt gegangen! und ich war kurz davor daheim zu bleiben. Unglaublicherweise konnten wir spontan zwei (!) Autos leihen, so dass ich mich

mit meinen Lieblings CDs (ja CDs!) auf der Autobahn wieder fand und auch Axel und die Kinder noch ein Auto hatten für meine Abwesenheit.

Mein Mann hat selber einen 10 Tagesvipassanakurs gemacht und auch davor schon regelmäßig meditiert, sodass ich seine Unterstützung hatte.

UND ES WAR SOOOO GUT!!! Drei Tage aussteigen. Drei Tage aussteigen aus dem Alltagsstress, aus dem funktionieren müssen, aus dem kümmern, alles abchecken, alles bedenken, schlichten, trösten, kochen, aufräumen etc. pp. Von präsent sein mit den Kindern konnte gar keine Rede mehr sein. Ich war nur noch am hinterherhecheln.

Also: Drei Tage durchschlafen. Drei Tage bekocht werden! 3 Tage Stille. 3 Tage Schweigen. Jaaa!Keiner quatscht mich an. Das oder so ähnlich waren meine Erwartungen. Bzw. ich wusste ja, was auf mich zukommt. Mal kurz aufatmen im Trubel des Lebens.

Die erste „Alleinezeit“ seit 7 Jahren!

Zwischen 2007 und 2011 habe ich an vier Zehntageskursen teilgenommmen und die gehören definitiv zu den entspannendsten Zeiten in meinem Leben! So etwa wie vier Wochen Asienurlaub vom Effekt. Das ist schwer erklärbar, das muss man erlebt haben.

Raus aus dem Alltag

Ich hatte die tägliche Hin- und Her Karrerei der zwei älteren Kinder und das „sie abgeben“ in den letzten Monaten als sehr fremdbestimmt erlebt. Der Kleine sitzt viel im Auto und der ganze Tag ist von den Hol- und Bringzeiten der Institutionen bestimmt. Nicht von meinem Rhythmus, nicht vom Rhythmus der Kinder. Für mich kein gutes Gefühl.

Aussteigen aus 20000 Gedanken am Tag

Was ich am meisten entlastend und erfrischend empfand in den drei Tagen, war das Aussteigen aus meinen eigenen Gedankenmustern und einzutreten in einen leeren Raum in mir, indem alles möglich ist.

Die Vipassana Meditation ist eine Technik, die Konzentration und Ruhe und Frieden bringt.

Dabei ist mir dieses Mal aufgefallen, wie nah sie an unseren Familienwerten für die Begleitung unserer Kinder ist.

Beobachten – nicht bewerten.

Das sind die zentralen Qualitäten. Dazu kommt: Fokus halten. Eine Parallele zur gewaltfreien Kommunikation. Auch geht es darum zu beobachten und möglichst nicht zu bewerten. Den Fokus im „präsent sein“ zu halten.

Wenn man bedenkt, dass wir ca. 20 000 Gedanken am Tag haben und die meisten davon unbewusst ablaufen UND immer die Gleichen sind – ja dann lässt sich vielleicht erahnen, was es mit einem macht, wenn man elf Stunden am Tag meditiert und aus seinem eigenen permanent ablaufendem Gedanken Karousell aussteigt. Es bringt Erleichterung und Entspannung.

Oft sagen Menschen: „10 Stunden am Tag Meditieren – das könnte ich nicht“ oder „das will ich nicht“ aber das ist meiner Ansicht nach doch nur der Verstand, der abwehrt, dass er nicht mehr so wichtig sein könnte. Dass er seine Bedeutung verlieren könnte. Ja ja, wir hier in unserer kopfgesteuerten Welt. Und ich glaube, viele vermuten, das kann einfach nicht entspannend sein.

Und es ist auch die Angst Kontrolle zu verlieren. Das Gewohnte zu verlassen. Gehirnimmanente Energiesparmaßnahme nennt man das. Das Gehirn spart evolutionsbedingt gerne Energie, das macht es u.a. so schwer gewohnten Pfade zu verlassen, welche auch immer das sind.

Ich werde jedenfalls so schnell wie möglich den nächsten Dreitageskurs machen. Im Frühjahr.

Nach zwei Wochen im Alltag verblasst die Erfrischung. Ich meditiere zu Hause auch noch aber den Raum dafür freizuschaufeln, gelingt mir nur manchmal. Und mal Abstand zu bekommen zum Alltäglichen und eine andere Sichtweise zu entwickeln – DAS ist Gold wert. Kennt man ja aus dem Urlaub.

Ein angenehmer Nebeneffekt ist, dass ich viel leichter einschlafe, wann immer ich im Bett beginne zu meditieren : ).

Von meiner Seite eine ganz klare Empfehlung, einmal im Leben einen 10 Tageskurs auszuprobieren. Eine riesen Bereicherung aus meiner Sicht.

Wer mehr über diese Meditation erfahren möchte klickt hier https://www.dhamma.org/de/schedules/schdvara für die offizielle Seite des Vipassanazentrums Deutschland in Triebel, die ich sehr ansprechend und informativ finde.

Hier ist meine Kurzzusammenfassung:

Die Vipassana Meditation in der Tradition wie sie S.N. Goenka selbst überliefert bekam

Die Vipassana Meditation ist direkt auf den historischen, bekannten Gautama Buddha zurückzuverfolgen.

Es ist eine Technik, die frei ist von weltanschaulichen Dogmen oder religiösen Inhalten.

Wie andere „Ismen“ wurde auch der Buddhismus von Menschen entwickelt, die in dem Fall Anhänger des Buddha waren aber die Vipassana Meditationstechnik ist davon unabhängig. Die gab es schon vorher.

So wird auch in den Vipassana Zentren nach Goenka auf der ganzen Welt jeder Mensch aufgenommen, der ernsthaft versuchen möchte, diese Technik zu erlernen unabhängig von Religion oder Rasse, Alter etc.

Es gilt nur, sich für die Dauer des Aufenthalts an einige Regeln zu halten, wie zu schweigen, keinem Wesen Leid anzutun -was auch vegetarisch essen beinhaltet-, nicht zu rauchen etc. Frauen und Männer sind die meiste Zeit getrennt.

Erlernbar ist die Methode dieser Schule, die von sich sagt, sie sei in dieser Form direkt auf den historischen Buddha zurückzuführen ausschließlich in 10 Tageskursen. Das ist die Zeit, die es braucht, um eine nachhaltige Einführung und Übungspraxis zu erlernen.

Es gibt auch andere Vipassana Traditionen, die z. Bsp. noch das Gehen integrieren.

Kosten: Vipassana Meditation nach Goenka finanziert sich ausschließlich durch Spenden.

Nachtrag: Jetzt ist Mitte April und ich hechel schon wieder..ich war zu spät dran mit der Registrierung und habe nun einen Wartelistenplatz für Juni. Ich hoffe, ich komm rein: ).

Die Triologie von Emotion, Spiel und Beziehung

Teil 3 meiner Übersetzung eines Gordon Neufeld Interviews vom März 2019 im Rahmen eines Online Kongresses über die „Bildung von morgen“. Sprachlich habe ich wenig angepasst und bin am gesprochenen Wort geblieben.

Für mich ist der folgende 3. Teil der bedeutungsvollste Teil.

G. Neufeld: Wir glauben die Technologie hilft uns, in Wirklichkeit fördert sie Wettbewerb oder eine digitale Abhängigkeit. Denn eine „depersonalisierte Verbindung“ ist so süchtigmachend wie Zigaretten und Alkohol. Es ist lächerlich, sie in die Hände unserer Kinder zu geben.

Sie sind wie in ein Keks.

Leere Kalorien.

Leere Intimität, es erfüllt nicht, es macht abhängig. Die Antwort darauf (das Benutzen digitaler Medien) muss sein: „nicht bis du voll bist mit Liebe, Bedeutung, und Gründen!“

Wir senden unsere Kinder hungrig in die Welt.

Frage: Was können wir in den Jahren vor dem Schuleintritt tun, um unseren Kindern bei ihrer Reife zu helfen?

Gegenfrage von Neufeld: Wo kommt denn die Reife bei Früchten her?

Von den Wurzeln! Gut verwurzelt zu sein, bedeutet Sicherheit zu spüren.

Mama und Papa müssen „ihre Arbeit machen“, den Kindern Bedeutung und Wärme geben und Sicherheit, das braucht das Kind um zu wachsen und zu reifen.

Nicht das Kind zu puschen sondern die Bindungswurzeln zu nähren.

Die Natur kümmert sich dann schon um alles Weitere.

Wir müssen ja eine Geranie auch nicht lehren zu wachsen. Wenn die Bedingungen gut sind, dann wächst sie gut, das Gleiche ist es mit einem Kind.

Verwurzelt und in Bindung. Sich ausruhen können bei Mama und Papa. Kontakt und Nähe.

Ausruhen ist der Schlüssel zu allem Wachsen in allem natürlichen Wachstum, dann entsteht Reife, was wiederum zum Lernen führt.

Das ist das natürliche Design. Wenn wir als Eltern unseren Job machen, dann können die Lehrer ihren Job machen.

Die Rolle des Spiels an sich

Frage: Welche Rolle hat das Spiel?

Das Spiel war das erste Thema in der antiken griechischen Philosophie, ein zentrales Thema der Zivilisation. Heute gibt es eine multidisziplinäre Wissenschaft, die die neurologischen Beweise für die Wichtigkeit des Spiels erforscht. Unglücklicherweise fehlt uns dafür noch das richtige „wording“.

Spiel ist in Aktivität involviert. Ergebnisoffen, nicht zielorientiert. Es geht um das Gefühl, nicht um ein Ziel. Die Natur „kümmert“ sich über Gefühle um uns.

Gefühle brauchen auch Ruhe, ein Drittel unseres Lebens ist Schlaf. Warum? Um klar zu denken.

Unsere Gefühle „arbeiten“ auch und brauchen Ruhe. Echtes Spiel ist eine Form von „aktivierter Ruhefunktion“.

Gefühle können sich da ausruhen. Lernen kann sich da am besten entfalten, das Gedächtnis kann sich da am besten entfalten.

Beziehungen, Gesundheit und Genesung. Echtes Spiel.

Das Verständnis für emotionale Spielplätze: Theater, Tanz, Musik, Kunst, das sind alles echte Spielplätze, solange sie nicht zielorientiert sind.

Sie sind die Schlüssel zu emotionaler Gesundheit und Wohlsein, wir brauchen da eine Feingefühl dafür in unseren Schulen.

Wir wissen, dass Emotionen unsere Gehirnentwicklung managen.

Wenn wir nun wissen, dass Gefühle sich um uns „kümmern“, so wissen wir, dass das Spiel sich um die Gefühle „kümmert“. Wir müssen da ein Feingefühl für diese Faktoren wiederherstellen.

Diese zwei Dinge: Beziehung und Spiel sind ein Katalysator für Bildung.

Beziehung und Spiel sind bei uns ausgegrenzt in unseren Schulen. Das müssen wir betrachten!

50% der Schule sollte sich um die Gefühle kümmern.

Die Forschung dazu fragt sich: wie sieht eine Schule aus, die die größtmögliche emotionale Gesundheit fördert und die kleinstmögliche psychische Erkrankung?

Die Bildungsforschung dazu dachte, soziale Programme in den untersuchten Schulen wirken psychischen Erkrankungen am ehesten entgegen.

Es waren aber Schulen mit Chor (die eine positive Wirkung zeigten)!

Wegen der Musik!

In Deutschland gibt es nur diese riesige Arbeitsethik.

Sobald es Noten gibt, zielorientiert ist, verliert der Prozess den Wert.

Deutschland war einstmals führend im Wert der Schule. Aber nicht mit mehr Härte, sondern mit Menschlichkeit und Leidenschaft!

In Südfrankreich ist jeder Künstler. Ohne Qualitätsnachweis. In Italien jeder ein Opernsänger.

Emotion, Beziehung, Spiel: dann fällt alles an seinen Platz. Das ist die Triologie.

Nicht Technologie.

Diese Trias und unsere Kinder werden zivilisiert und menschlich.

Frage: Wie schaffen wir Systemwandel?

Was können wir tun, das zu wachsendem Bewusstsein im Schulsystem führt?

Antwort: Kurse kreieren und Lehrer und Eltern nehmen daran teil.

Wir müssen unsere Wege dahin finden.

Frage: Welche Hoffnung gibt es da?

Genügend Verständnis und z. Bsp. Interesse an Neufelds Kursen, die es in sechs verschiedenen Sprachen gibt.

Einfach damit zu „sitzen“ (Anmerkung, es auf sich wirken zu lassen, damit zu sein).

Ob es intuitiv Sinn macht, dann passieren Veränderungen und Anpassungen automatisch.