Ein Kinderarzt erzählt…

(Nachfolgendes Gespräch hat tatsächlich so stattgefunden. Der 0-Ton des Arztes entstammt meinem Gedächtnisprotokoll.)

Neulich im Gespräch mit unserem Kinderarzt:

„Ja was glauben Sie, wie sich das (er meint die Eltern mit ihren Kindern) bei mir am Freitag und am Montag häuft. Und das wird immer mehr, von Jahr zu Jahr!“ ( er hat eine Pädiatrische Praxis seit etwa 15 Jahren)

Empört wirkt er auf mich. Und ratlos.

„Die Verunsicherung der Eltern wird immer größer. Da fehlt Gelassenheit. Das ist auch ein gesellschaftliches Problem aber die Medizin hat da auch selbst schuld dran.“

Ich: „sie meinen wegen der Pathologisierung?“

„Ja. Wegen jedem Kopfschmerz wird gleich ein CT gemacht und ein Hirntumor vermutet“. (Das aus dem Mund eines Arztes, ich staune ein bischen aber er kennt meine reflexive Haltung zu unserem Gesundheitssystem und das wir uns sehr viel mit gesundheitlichen und medizinischen Fragen beschäftigen).

Er fährt fort: „Und was hab ich viele Frauen gesehen, die nicht mehr guter Hoffnung waren, sondern die ganze Schwangerschaft Angst hatten, weil die Nackenfalte zu dick gemessen war. Und letztendlich war das Kind aber gesund.“

Ich denke an die eine Statistik diesbezüglich, von der eine befreundete Heilpraktikerin und Rettungssanitäterin mir erzählte. Wie viele „falsch positive“ Ergebnisse es bei der sogenannten Nackenfaltenmessung gibt. Sie selbst eingeschlossen hatte auch ein „falsch positives“ Ergebnis in ihrer Schwangerschaft und sich deswegen anschließend damit befasst Und sich dann zum Glück nicht verrückt gemacht. Eine andere Frau hat mir erzählt, ihr wurde in der Schwangerschaft mit ihren Zwillingen gesagt, ein Zwilling wäre tot! Das war allerdings schon vor 18 Jahren. Beide Kinder kamen gesund zur Welt. Aber sie war die ganze Schwangerschaft über tottraurig.

Mir fallen die Ultraschallgewohnheiten in Deutschland während der Schwangerschaft ein, die Frequenz ist in Deutschland viel höher als in anderen Ländern. In Amerika ist zum Beispiel routinemäßig nur ein Einziger vorgesehen.

Tja.

Fluch und Segen.

Die Dosis macht das Gift.

Solche Sachen gehen mir durch den Kopf.

Und: „German Angst“.

Kennt ihr den Begriff“ German Angst“? Fällt mir immer wieder ein, denn im Alltag merke ich immer wieder, dass ich in manchen Dingen so gar nicht „german“ bin. Was ich ja tatsächlich nicht bin.

Und dann führten wir noch ein kurzes Gespräch über den gesellschaftlichen Wandel, den heute fehlenden Austausch und Input durch ältere, erfahrene Generationen, wie das früher eben normal war und die familiäre Erfahrung im Alltag ganz selbstverständlich weitergegeben wurde.

Über die Entfremdung von Kindern und Eltern durch immer mehr Zeit, die sie immer früher getrennt voneinander verbringen. Da ist es schwer ein Gefühl für den anderen zu entwickeln oder so was wie einen Instinkt oder auf den gesunden Menschenverstand zu vertrauen, wenn es einem niemand mehr vorlebt.

Oder Vertrauen zu entwickeln.

Tja: die Kehrseiten von Konzepten der Ganztagsbetreung…

Statt dessen stehen die Eltern dann in der Kinderarztpraxis.

Multifaktorielle Ursachen

Das ist wohl der Stress oder soll ich sagen der Wind des Kapitalismus, der in unserer Gesellschaft weht und überall für Anspannung sorgt. Ja, gesund ist da ganz vieles nicht.

Ich denke an die überall grassierende Privatisierung der Krankenhäuser und Kliniken, die dazu führt, dass Krankenhäuser keine reinen Heilanstalten mehr sind, sondern vor allem Betriebe, die Gewinn erwirtschaften müssen. Und wie erwirtschaftet man Gewinn?? Auf dem Rücken der Patienten.

Dies passiert wohl oft über Pathologisierung und den häufigen Einsatz von teurer Apparatemedizin. Und da beißt sich die Katze eben in den Schwanz. Ein Teufelskreis.

Neulich erzählte ein Anästhesist bei Markus Lanz Folgendes: er arbeitet hauptsächlich in der Palliativ Medizin. Da wird ordentlich am Sterben verdient. Er hat gerade ein Buch veröffentlicht, wo er darüber berichtet wie Todkranke noch teure, aus seiner Sicht Leid verschlimmernde Operationen bekommen, über den Wunsch auf lebenserhaltende Maßnahmen zu verzichten -trotz Patientenverfügung!- einfach hinweggegangen wird (besonders wenn es sich um Privatpatienten handelt) und Menschen wochen-, und teilweise monatelang am Leben gehalten werden, denn das bringt Kohle. Klingt unglaubwürdig? Ich konnte es auch kaum glauben.

Leidverschlimmernd, hm. War da nicht so was wie der hippokratische Eid?

Ich war auch völlig fassungslos, als er in der Runde erzählte wie eine Leiche ungelogen 24 Stunden beatmet wurde und als er dazu kam, schon die Totenstarre eingetreten war. Mutiger Mann. Deckt auf, wo rücksichtslos Geld verdient wird auf Kosten der Menschlichkeit und der Krankenkassen und damit der Solidargemeinschaft und unser aller Geldbeutel. Findet in seiner Branche auch nicht jeder gut, wie er selbst erzählt.

Vom Tod zur Geburt

Mir fällt die Kaiserschnittquote ein in Deutschland.

Im Schnitt 33 Prozent. Jede dritte Frau kann nicht mehr gebären?

Daran verdient eine Klinik im Übrigen auch gut.

An einer natürlichen Geburt nicht so richtig.

An einer natürlichen Geburt, die länger dauert als 18 Stunden erst recht nicht.

Dass systemimmanent eher ein schneller Geburtsverlauf angestrebt oder vielleicht sogar forciert wird, das höre und lese ich immer wieder. Von Betroffenen und KritikerInnen der momentanen Krankenhaus Geburtskultur als auch auch von Hebammen. Geburtseinleitungen, die oft eine sogenannte Interventionskaskade auslösen und von denen viele viele Frauen ihr Leid klagen können.

Im Übrigen wurde die Dauer, die eine natürliche Geburt in Deutschland dauern darf, bevor definitiv eingegriffen wird, vor einigen Jahren herabgestuft von 48h auf maximal 24h.

Ja und mit welchen Folgen?

Andere Länder, andere Sitten oder was?

Und in Frankreich darf eine komplette Schwangerschaft insgesamt einfach mal eine Woche länger dauern. D.h. die Übertragungszeit beginnt dort eine Woche später.

Hallo was? In der Zeit, in der in Deutschland schon einige Ärzte panisch werden und Geburten einleiten, Hausgeburtlerinnen alle drei Tage zum Arzt beordert werden, ist in Frankreich noch alles ganz normal im Verlauf?

Warum?

Das wusste selbst meine sehr erfahrene, gebildete Hebamme auch nicht. Hat „man“ (wahrscheinlich „Mann“) so festgelegt.

Aber gemessen an China und Brasilien, wo Kaiserschnitte auf Wunschtermin und Sternzeichenwunsch modern sind, sind die Verhältnisse hier natürlich besser.

Ich denke an den Film Microbirth, für den ich eine Passage mitübersetzt habe und wo es um die langfristigen Auswirkungen von Kaiserschnitten auf Public Health, d.h. die gesamtgesellschaftliche Gesundheit geht und welche Kosten dies für die Gesellschaft und die damit verbunden Gesundheitssysteme verursacht. Und ja, da geht es um Milliarden. Milliarden, die jemand verdient und Milliarden, die jemand zahlen muss, nämlich wir, die Solidargemeinschaft. Und den Preis zahlen natürlich auch die Kinder mit ihrer Gesundheit. Das ist pure Forschung. Mehr Allergien, Mehr Stoffwechselerkrankungen usw. Schöner Film, schaut ihn euch an. Die Auswirkungen von Kaiserschnitten auf das menschliche Mikrobiom.

Klar: für ein Frühchen ist die moderne Medizin ein Segen! Für viele schwere Erkrankungen auch! Auch die Notfallmedizin. Nein ich bin froh über vieles, was ich hier nutzen kann. Keine Frage. Zwei meiner Kinder hatten auch mehrere Jahre eine chronische Erkrankung.

Aber sollten wir als Gesellschaft nicht die Kirche sozusagen im Dorf lassen? Geht es nicht vielmehr vor allem darum, unseren gesunden Menschenverstand und eine gutes Bewusstsein für uns und unsere Gesundheit entwickeln? Und vor allem eigenverantwortlich Informationen und Meinungen einholen, um auf einer fundierten Basis die richtigen Entscheidungen treffen zu können.

Stichwort Selbstermächtigung.

Ja, mehr Gelassenheit und gesunder Menschenverstand. Da hat er schon recht der Doc. Das täte uns allen gut.

Und Ministerämter zu schaffen, die Lobbyismus kontrollieren, wären auch eine feine Sache.

Finde ich.

In allen Bereichen. Und so endet unser Gespräch in so etwas wie gegenseitigem Einvernehmen: Bedauern über einige Aspekte des gesamtgesellschaftlichen Wandels und Verlusts von gesundem Menschenverstand und der Hoffnung, dass sich die Dinge doch irgendwie gut entwickeln mögen.