Werden unsere Schüler immer dümmer?

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Warum unsere Gesellschaft immer unreifer wird und was wir dagegen tun können oder: der Verfall der Lernkultur und des schulisch vermittelten Wissens.

Betrachtungen anhand eines Interviews mit dem Entwicklungspsychologen und Lernforscher Gordon Neufeld.

Teil 1:

Gordon Neufeld ist ursprünglich klinischer Psychologe, lehrte an Universitäten, forschte u.a. in Jugendgefängnissen zu den Themen Lehr-Lern Beziehungen und gelingenden Bildungsprozessen.

Eine zentrale Fragestellung von ihm ist:

Warum funktioniert Unterricht für manche Kinder besser und für manche schlechter? Oder gar nicht?

Ich finde seine Ausführungen über die Bedeutung der sogenannten „Gleichaltrigenorientierung“ und die Wichtigkeit von Bindungsprozessen in Lehr-Lernbeziehungen schon länger interessant. Sie entsprechen in vielem meinen eigenen Beobachtungen der letzten 7 Jahre und meinem Wissen um Lernprozesse und Potenzialentfaltung. Daher habe ich letzte Woche ein längeres Interview von ihm übersetzt, das im Rahmen eines Onlinekongresses über die Zukunft der Bildung stattfand.

Neufeld selbst stammt aus einer Familie mit sehr vielen Lehrern und entwickelte später auch Kurse für Lehrer und Psychologen am dafür gegründeten Neufeld Institut. Sein bekanntestes Buch ist wahrscheinlich: „Unsere Kinder brauchen uns“.

Hier stelle ich einige seiner Schlüssel Thesen vor, die er im Laufe seiner Arbeit und Forschung entwickelte und herausarbeitete. Früh erkannte er, dass das wichtigste Moment für gelingende Lehr-Lern-Beziehungen, die Bindung ist.

In meinem Text bleibe ich ziemlich genau am Ablauf des 50 minütigen Interviews und am Originalton von Gordon Neufeld. Daher ist manches vielleicht etwas ungeschliffen. Man möge mir das verzeihen : ).

Die Bedeutung von Curriculum, Pädagogik und Methodik

Curriculum, Pädagogik und Methodik sind seiner Meinung nach nachgestellt, was die Entwicklung des Bildungspotentials von Kindern und Menschen im Allgemeinen angeht. In Fachkreisen geht es aber meist genau darum, wenn die Frage nach Verbesserungen der Lernbedingungen und Leistungen diskutiert wird. Aus seiner Sicht ist dies nicht so wichtig.

Ein weiterer Faktor ist, dass Kinder in ihren Bedürfnissen nach Lernbegleitung variieren und das ein wichtiger Punkt ist, den die Pädagogen beachten sollten, um eine gelingende Lehr-Lern-Beziehung mitzugestalten.

Der wichtigste Faktor dafür ist die Bindung.

Dies ist ein grundlegender Faktor für alle Lebewesen: wir lernen da am besten, wo eine emotionale Bindung besteht.

Gründe dafür sind, dass Bindung für den Menschen anthropologisch und evolutionsbiologisch gleichbedeutend mit Überleben ist und das Gehirn dies quasi als Priorität für gutes „Funktionieren“ (in diesem Fall Lernen) voraussetzt.

Anmerkung: Wer sich mit dem Thema schon beschäftigt hat weiß schon, dass vor gelingenden Bildungsprozessen IMMER eine gelungene Bindung stattfinden muss.

Wenn also der Mensch an seine Lehrperson gebunden ist, dies betrifft besonders Kinder aber auch alle anderen, öffnet sich das Gehirn sozusagen und das beinhaltet sogar universitäres Lernen wie auch Lernprozesse von Dreijährigen oder noch Jüngeren.

Wir sind alle Bindungswesen und suchen intuitiv und unbewusst nach Nähe. (Anmerkung: evolutionsbiologisch ist das erste Ziel das Zusammensein und Gemeinschaft. In diesem Kontext funktioniert Lernen einfach am besten.

Wenn wir „richtig heranreifen“ können (Neufeld bezieht sich da auf ein Sein im großen „Rudel“ – einer altersdurchmischten Gruppe-, dann beginnen wir Menschen schließlich uns automatisch nach außen zu orientieren und auch durch unsere Fehler zu lernen. Wir lernen dann durch die sogenannte „Dissonanz“ aber auch „Versuch und Irrtum“.

Anmerkung: kognitive Dissonanz wie ich sie verstehe, bedeutet ein „Abgleichen“ meiner Vorstellung von etwas und ihrer wahren Natur bzw. Realität. Beispiel: ich glaube, dies oder jenes gelingt mir gut, stelle aber in der Realität fest, das dies nicht so ist. Dann übe ich, bzw. passe mein „Sein“ damit so an, dass mir die gewählte Aktivität irgendwann gelingt. Andere Strategien damit umzugehen, gibt es auch.

Unterschiedliche Bindungstypen

Das Problem mit dem Erziehungsystem weltweit ist, dass meist angenommen und so gearbeitet wird, dass Lernende in ihren Bedürfnissen nahezu alle gleich veranlagt sind, was aber nach Neufeld nicht so ist. Anmerkung: man kennt das auch aus der Bindungstheorie und den verschiedenen Bindungstypen)

Die Effizienz des schulischen Lernens verschlechtert sich messbar in weiten Teilen der westlichen Gesellschaft

Lernende unterscheiden sich SEHR in diesem Punkt. Manche lernen nicht aus Fehlern, mache nicht durch Dissonanz, mache sind von sich aus nicht offensichtlich neugierig.

Warum gibt es so große Probleme mit dem Lernniveau?

Die Schüler verändern sich. Das ist das Problem. Das sollten wir uns anschauen.

Unser ganzes Schulsystem basiert nach Neufeld in vielem auf einem „Unterdrückungsmodell“.

Eine wachsende Menge an Kindern zeigt diese Option der Lernmöglichkeit nicht mehr.

Anmerkung: ich glaube er meint, dass autoritäres Verhalten nicht mehr so „zieht“ wie früher.

Ein anderes Problem ist, dass immer mehr Kinder im Alter zum Schulübergang die Schulreife nicht mehr haben, diesen „inneren Schüler“ noch nicht entwickeln konnten.

Anmerkung: warum, darauf kommt er später zu sprechen.

Die Antwort der „Fachleute“

Die Antwort der Fachwelt, unsere Antwort darauf, ist länger und intensiver zu unterrichten (Stichwort Frühförderung und Ganztagsunterricht), das Curriculum zu ändern, es gibt jede Menge Reformbewegungen im Schulsystem aber niemand adressiert das wirkliche Problem.

Wir haben die besten Lehrer, die besten Curricula, die besten Technologien und wir „verlieren dennoch Boden“. Warum?

Sollte eine gewisse Reife da sein, bevor ein Kind zur Schule geht?

Was können wir also tun, wenn wir diese Unreife feststellen UND ganz generell?

Die meisten Kinder lernen von ihren Peers, weil dort die Bindung am stärksten ist.

Sie gehen ja in die Schule, um mit ihren Freunden zusammen zu sein.

Wir sollten daher die Bindung zwischen Schülern und Lehrern bzw. Erwachsenen aufbauen, um einen gelingenden Lernraum zu öffnen und zu gestalten.

Teil 2 folgt.