Mama am Rande des Nervenzusammenbruchs

Der ganz normale Wahnsinn

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Es war kurz vor Weihnachten.

Der ganz normale Wahnsinn.

Wochenlang sich abwechselnde Infekte bei drei Kindern, ich selbst drei Wochen am Stück krank. Die! Geschenkefrage und Organisation, die alltägliche Anstrengung drei Kinder durch die Gegend zu kutschieren. Ja selber schuld – ich weiß – hätten wir Grundschule und Kindergarten um die Ecke gewählt, dann wäre alles einfacher. Am Nachmittag kommen die großen Kinder teils mit ihrem eigenen Frust wieder nach Hause. Wenig Zeit für Begegnungen. Viel Trubel. Gerade in der Weihnachtszeit. Blöd. Nächstes Jahr mach ich das anders… am Nikolaustag war ich soviel unterwegs, dass ich an einem Tag zwei Mal geblitzt wurde.

Atemlos durch den Tag… großes Kino für uns vier.

Zudem: Die dunkelste Zeit des Jahres. Wenig Zeit für Bedürfnisse der Mama, der Eltern. Mit anderen Worten: ANSTRENGEND!!!

Und um mich herum schien es vielen Mamas so zu gehen. Als ich mich mit drei Freundinnen zum Essen traf, veranstalteten wir ein Pfeifkonzert. Wir pfiffen alle aus dem allerletzten Loch.

Ich habe zwar mittlerweile einen integrierten Dankbarkeitsmuskel im Gehirn aber ganz ehrlich: irgendwann ist auch das bewusste dankbar sein nur eine Strategie, die nicht mehr so richtig greift. Dennoch rettet sie mich oft vor schlechter Laune und bringt mich zurück zur Eigenverantwortung und dem, was ich aktiv tun kann, um eine positive Veränderung zu erreichen.

Dreitageskurs Vipassana Meditation

Um aufzutanken, bin ich also am 20.12. für drei Tage zum Meditieren gefahren. Es fühlte sich zwar merkwürdig an, alles einschließlich der letzten Weihnachtsvorbereitungen und den drei Kindern meinem Mann zu überlassen aber mir ging es echt nicht gut und der Meditationsplatz für die Vipassana Meditation will auch bereits drei Monate vorher gebucht sein, sonst ist alles sofort ausgebucht.

Dann ist tatsächlich noch unser Auto kaputt gegangen! und ich war kurz davor daheim zu bleiben. Unglaublicherweise konnten wir spontan zwei (!) Autos leihen, so dass ich mich

mit meinen Lieblings CDs (ja CDs!) auf der Autobahn wieder fand und auch Axel und die Kinder noch ein Auto hatten für meine Abwesenheit.

Mein Mann hat selber einen 10 Tagesvipassanakurs gemacht und auch davor schon regelmäßig meditiert, sodass ich seine Unterstützung hatte.

UND ES WAR SOOOO GUT!!! Drei Tage aussteigen. Drei Tage aussteigen aus dem Alltagsstress, aus dem funktionieren müssen, aus dem kümmern, alles abchecken, alles bedenken, schlichten, trösten, kochen, aufräumen etc. pp. Von präsent sein mit den Kindern konnte gar keine Rede mehr sein. Ich war nur noch am hinterherhecheln.

Also: Drei Tage durchschlafen. Drei Tage bekocht werden! 3 Tage Stille. 3 Tage Schweigen. Jaaa!Keiner quatscht mich an. Das oder so ähnlich waren meine Erwartungen. Bzw. ich wusste ja, was auf mich zukommt. Mal kurz aufatmen im Trubel des Lebens.

Die erste „Alleinezeit“ seit 7 Jahren!

Zwischen 2007 und 2011 habe ich an vier Zehntageskursen teilgenommmen und die gehören definitiv zu den entspannendsten Zeiten in meinem Leben! So etwa wie vier Wochen Asienurlaub vom Effekt. Das ist schwer erklärbar, das muss man erlebt haben.

Raus aus dem Alltag

Ich hatte die tägliche Hin- und Her Karrerei der zwei älteren Kinder und das „sie abgeben“ in den letzten Monaten als sehr fremdbestimmt erlebt. Der Kleine sitzt viel im Auto und der ganze Tag ist von den Hol- und Bringzeiten der Institutionen bestimmt. Nicht von meinem Rhythmus, nicht vom Rhythmus der Kinder. Für mich kein gutes Gefühl.

Aussteigen aus 20000 Gedanken am Tag

Was ich am meisten entlastend und erfrischend empfand in den drei Tagen, war das Aussteigen aus meinen eigenen Gedankenmustern und einzutreten in einen leeren Raum in mir, indem alles möglich ist.

Die Vipassana Meditation ist eine Technik, die Konzentration und Ruhe und Frieden bringt.

Dabei ist mir dieses Mal aufgefallen, wie nah sie an unseren Familienwerten für die Begleitung unserer Kinder ist.

Beobachten – nicht bewerten.

Das sind die zentralen Qualitäten. Dazu kommt: Fokus halten. Eine Parallele zur gewaltfreien Kommunikation. Auch geht es darum zu beobachten und möglichst nicht zu bewerten. Den Fokus im „präsent sein“ zu halten.

Wenn man bedenkt, dass wir ca. 20 000 Gedanken am Tag haben und die meisten davon unbewusst ablaufen UND immer die Gleichen sind – ja dann lässt sich vielleicht erahnen, was es mit einem macht, wenn man elf Stunden am Tag meditiert und aus seinem eigenen permanent ablaufendem Gedanken Karousell aussteigt. Es bringt Erleichterung und Entspannung.

Oft sagen Menschen: „10 Stunden am Tag Meditieren – das könnte ich nicht“ oder „das will ich nicht“ aber das ist meiner Ansicht nach doch nur der Verstand, der abwehrt, dass er nicht mehr so wichtig sein könnte. Dass er seine Bedeutung verlieren könnte. Ja ja, wir hier in unserer kopfgesteuerten Welt. Und ich glaube, viele vermuten, das kann einfach nicht entspannend sein.

Und es ist auch die Angst Kontrolle zu verlieren. Das Gewohnte zu verlassen. Gehirnimmanente Energiesparmaßnahme nennt man das. Das Gehirn spart evolutionsbedingt gerne Energie, das macht es u.a. so schwer gewohnten Pfade zu verlassen, welche auch immer das sind.

Ich werde jedenfalls so schnell wie möglich den nächsten Dreitageskurs machen. Im Frühjahr.

Nach zwei Wochen im Alltag verblasst die Erfrischung. Ich meditiere zu Hause auch noch aber den Raum dafür freizuschaufeln, gelingt mir nur manchmal. Und mal Abstand zu bekommen zum Alltäglichen und eine andere Sichtweise zu entwickeln – DAS ist Gold wert. Kennt man ja aus dem Urlaub.

Ein angenehmer Nebeneffekt ist, dass ich viel leichter einschlafe, wann immer ich im Bett beginne zu meditieren : ).

Von meiner Seite eine ganz klare Empfehlung, einmal im Leben einen 10 Tageskurs auszuprobieren. Eine riesen Bereicherung aus meiner Sicht.

Wer mehr über diese Meditation erfahren möchte klickt hier https://www.dhamma.org/de/schedules/schdvara für die offizielle Seite des Vipassanazentrums Deutschland in Triebel, die ich sehr ansprechend und informativ finde.

Hier ist meine Kurzzusammenfassung:

Die Vipassana Meditation in der Tradition wie sie S.N. Goenka selbst überliefert bekam

Die Vipassana Meditation ist direkt auf den historischen, bekannten Gautama Buddha zurückzuverfolgen.

Es ist eine Technik, die frei ist von weltanschaulichen Dogmen oder religiösen Inhalten.

Wie andere „Ismen“ wurde auch der Buddhismus von Menschen entwickelt, die in dem Fall Anhänger des Buddha waren aber die Vipassana Meditationstechnik ist davon unabhängig. Die gab es schon vorher.

So wird auch in den Vipassana Zentren nach Goenka auf der ganzen Welt jeder Mensch aufgenommen, der ernsthaft versuchen möchte, diese Technik zu erlernen unabhängig von Religion oder Rasse, Alter etc.

Es gilt nur, sich für die Dauer des Aufenthalts an einige Regeln zu halten, wie zu schweigen, keinem Wesen Leid anzutun -was auch vegetarisch essen beinhaltet-, nicht zu rauchen etc. Frauen und Männer sind die meiste Zeit getrennt.

Erlernbar ist die Methode dieser Schule, die von sich sagt, sie sei in dieser Form direkt auf den historischen Buddha zurückzuführen ausschließlich in 10 Tageskursen. Das ist die Zeit, die es braucht, um eine nachhaltige Einführung und Übungspraxis zu erlernen.

Es gibt auch andere Vipassana Traditionen, die z. Bsp. noch das Gehen integrieren.

Kosten: Vipassana Meditation nach Goenka finanziert sich ausschließlich durch Spenden.

Nachtrag: Jetzt ist Mitte April und ich hechel schon wieder..ich war zu spät dran mit der Registrierung und habe nun einen Wartelistenplatz für Juni. Ich hoffe, ich komm rein: ).

Die Triologie von Emotion, Spiel und Beziehung

Teil 3 meiner Übersetzung eines Gordon Neufeld Interviews vom März 2019 im Rahmen eines Online Kongresses über die „Bildung von morgen“. Sprachlich habe ich wenig angepasst und bin am gesprochenen Wort geblieben.

Für mich ist der folgende 3. Teil der bedeutungsvollste Teil.

G. Neufeld: Wir glauben die Technologie hilft uns, in Wirklichkeit fördert sie Wettbewerb oder eine digitale Abhängigkeit. Denn eine „depersonalisierte Verbindung“ ist so süchtigmachend wie Zigaretten und Alkohol. Es ist lächerlich, sie in die Hände unserer Kinder zu geben.

Sie sind wie in ein Keks.

Leere Kalorien.

Leere Intimität, es erfüllt nicht, es macht abhängig. Die Antwort darauf (das Benutzen digitaler Medien) muss sein: „nicht bis du voll bist mit Liebe, Bedeutung, und Gründen!“

Wir senden unsere Kinder hungrig in die Welt.

Frage: Was können wir in den Jahren vor dem Schuleintritt tun, um unseren Kindern bei ihrer Reife zu helfen?

Gegenfrage von Neufeld: Wo kommt denn die Reife bei Früchten her?

Von den Wurzeln! Gut verwurzelt zu sein, bedeutet Sicherheit zu spüren.

Mama und Papa müssen „ihre Arbeit machen“, den Kindern Bedeutung und Wärme geben und Sicherheit, das braucht das Kind um zu wachsen und zu reifen.

Nicht das Kind zu puschen sondern die Bindungswurzeln zu nähren.

Die Natur kümmert sich dann schon um alles Weitere.

Wir müssen ja eine Geranie auch nicht lehren zu wachsen. Wenn die Bedingungen gut sind, dann wächst sie gut, das Gleiche ist es mit einem Kind.

Verwurzelt und in Bindung. Sich ausruhen können bei Mama und Papa. Kontakt und Nähe.

Ausruhen ist der Schlüssel zu allem Wachsen in allem natürlichen Wachstum, dann entsteht Reife, was wiederum zum Lernen führt.

Das ist das natürliche Design. Wenn wir als Eltern unseren Job machen, dann können die Lehrer ihren Job machen.

Die Rolle des Spiels an sich

Frage: Welche Rolle hat das Spiel?

Das Spiel war das erste Thema in der antiken griechischen Philosophie, ein zentrales Thema der Zivilisation. Heute gibt es eine multidisziplinäre Wissenschaft, die die neurologischen Beweise für die Wichtigkeit des Spiels erforscht. Unglücklicherweise fehlt uns dafür noch das richtige „wording“.

Spiel ist in Aktivität involviert. Ergebnisoffen, nicht zielorientiert. Es geht um das Gefühl, nicht um ein Ziel. Die Natur „kümmert“ sich über Gefühle um uns.

Gefühle brauchen auch Ruhe, ein Drittel unseres Lebens ist Schlaf. Warum? Um klar zu denken.

Unsere Gefühle „arbeiten“ auch und brauchen Ruhe. Echtes Spiel ist eine Form von „aktivierter Ruhefunktion“.

Gefühle können sich da ausruhen. Lernen kann sich da am besten entfalten, das Gedächtnis kann sich da am besten entfalten.

Beziehungen, Gesundheit und Genesung. Echtes Spiel.

Das Verständnis für emotionale Spielplätze: Theater, Tanz, Musik, Kunst, das sind alles echte Spielplätze, solange sie nicht zielorientiert sind.

Sie sind die Schlüssel zu emotionaler Gesundheit und Wohlsein, wir brauchen da eine Feingefühl dafür in unseren Schulen.

Wir wissen, dass Emotionen unsere Gehirnentwicklung managen.

Wenn wir nun wissen, dass Gefühle sich um uns „kümmern“, so wissen wir, dass das Spiel sich um die Gefühle „kümmert“. Wir müssen da ein Feingefühl für diese Faktoren wiederherstellen.

Diese zwei Dinge: Beziehung und Spiel sind ein Katalysator für Bildung.

Beziehung und Spiel sind bei uns ausgegrenzt in unseren Schulen. Das müssen wir betrachten!

50% der Schule sollte sich um die Gefühle kümmern.

Die Forschung dazu fragt sich: wie sieht eine Schule aus, die die größtmögliche emotionale Gesundheit fördert und die kleinstmögliche psychische Erkrankung?

Die Bildungsforschung dazu dachte, soziale Programme in den untersuchten Schulen wirken psychischen Erkrankungen am ehesten entgegen.

Es waren aber Schulen mit Chor (die eine positive Wirkung zeigten)!

Wegen der Musik!

In Deutschland gibt es nur diese riesige Arbeitsethik.

Sobald es Noten gibt, zielorientiert ist, verliert der Prozess den Wert.

Deutschland war einstmals führend im Wert der Schule. Aber nicht mit mehr Härte, sondern mit Menschlichkeit und Leidenschaft!

In Südfrankreich ist jeder Künstler. Ohne Qualitätsnachweis. In Italien jeder ein Opernsänger.

Emotion, Beziehung, Spiel: dann fällt alles an seinen Platz. Das ist die Triologie.

Nicht Technologie.

Diese Trias und unsere Kinder werden zivilisiert und menschlich.

Frage: Wie schaffen wir Systemwandel?

Was können wir tun, das zu wachsendem Bewusstsein im Schulsystem führt?

Antwort: Kurse kreieren und Lehrer und Eltern nehmen daran teil.

Wir müssen unsere Wege dahin finden.

Frage: Welche Hoffnung gibt es da?

Genügend Verständnis und z. Bsp. Interesse an Neufelds Kursen, die es in sechs verschiedenen Sprachen gibt.

Einfach damit zu „sitzen“ (Anmerkung, es auf sich wirken zu lassen, damit zu sein).

Ob es intuitiv Sinn macht, dann passieren Veränderungen und Anpassungen automatisch.

Ein Kinderarzt erzählt…

(Nachfolgendes Gespräch hat tatsächlich so stattgefunden. Der 0-Ton des Arztes entstammt meinem Gedächtnisprotokoll.)

Neulich im Gespräch mit unserem Kinderarzt:

„Ja was glauben Sie, wie sich das (er meint die Eltern mit ihren Kindern) bei mir am Freitag und am Montag häuft. Und das wird immer mehr, von Jahr zu Jahr!“ ( er hat eine Pädiatrische Praxis seit etwa 15 Jahren)

Empört wirkt er auf mich. Und ratlos.

„Die Verunsicherung der Eltern wird immer größer. Da fehlt Gelassenheit. Das ist auch ein gesellschaftliches Problem aber die Medizin hat da auch selbst schuld dran.“

Ich: „sie meinen wegen der Pathologisierung?“

„Ja. Wegen jedem Kopfschmerz wird gleich ein CT gemacht und ein Hirntumor vermutet“. (Das aus dem Mund eines Arztes, ich staune ein bischen aber er kennt meine reflexive Haltung zu unserem Gesundheitssystem und das wir uns sehr viel mit gesundheitlichen und medizinischen Fragen beschäftigen).

Er fährt fort: „Und was hab ich viele Frauen gesehen, die nicht mehr guter Hoffnung waren, sondern die ganze Schwangerschaft Angst hatten, weil die Nackenfalte zu dick gemessen war. Und letztendlich war das Kind aber gesund.“

Ich denke an die eine Statistik diesbezüglich, von der eine befreundete Heilpraktikerin und Rettungssanitäterin mir erzählte. Wie viele „falsch positive“ Ergebnisse es bei der sogenannten Nackenfaltenmessung gibt. Sie selbst eingeschlossen hatte auch ein „falsch positives“ Ergebnis in ihrer Schwangerschaft und sich deswegen anschließend damit befasst Und sich dann zum Glück nicht verrückt gemacht. Eine andere Frau hat mir erzählt, ihr wurde in der Schwangerschaft mit ihren Zwillingen gesagt, ein Zwilling wäre tot! Das war allerdings schon vor 18 Jahren. Beide Kinder kamen gesund zur Welt. Aber sie war die ganze Schwangerschaft über tottraurig.

Mir fallen die Ultraschallgewohnheiten in Deutschland während der Schwangerschaft ein, die Frequenz ist in Deutschland viel höher als in anderen Ländern. In Amerika ist zum Beispiel routinemäßig nur ein Einziger vorgesehen.

Tja.

Fluch und Segen.

Die Dosis macht das Gift.

Solche Sachen gehen mir durch den Kopf.

Und: „German Angst“.

Kennt ihr den Begriff“ German Angst“? Fällt mir immer wieder ein, denn im Alltag merke ich immer wieder, dass ich in manchen Dingen so gar nicht „german“ bin. Was ich ja tatsächlich nicht bin.

Und dann führten wir noch ein kurzes Gespräch über den gesellschaftlichen Wandel, den heute fehlenden Austausch und Input durch ältere, erfahrene Generationen, wie das früher eben normal war und die familiäre Erfahrung im Alltag ganz selbstverständlich weitergegeben wurde.

Über die Entfremdung von Kindern und Eltern durch immer mehr Zeit, die sie immer früher getrennt voneinander verbringen. Da ist es schwer ein Gefühl für den anderen zu entwickeln oder so was wie einen Instinkt oder auf den gesunden Menschenverstand zu vertrauen, wenn es einem niemand mehr vorlebt.

Oder Vertrauen zu entwickeln.

Tja: die Kehrseiten von Konzepten der Ganztagsbetreung…

Statt dessen stehen die Eltern dann in der Kinderarztpraxis.

Multifaktorielle Ursachen

Das ist wohl der Stress oder soll ich sagen der Wind des Kapitalismus, der in unserer Gesellschaft weht und überall für Anspannung sorgt. Ja, gesund ist da ganz vieles nicht.

Ich denke an die überall grassierende Privatisierung der Krankenhäuser und Kliniken, die dazu führt, dass Krankenhäuser keine reinen Heilanstalten mehr sind, sondern vor allem Betriebe, die Gewinn erwirtschaften müssen. Und wie erwirtschaftet man Gewinn?? Auf dem Rücken der Patienten.

Dies passiert wohl oft über Pathologisierung und den häufigen Einsatz von teurer Apparatemedizin. Und da beißt sich die Katze eben in den Schwanz. Ein Teufelskreis.

Neulich erzählte ein Anästhesist bei Markus Lanz Folgendes: er arbeitet hauptsächlich in der Palliativ Medizin. Da wird ordentlich am Sterben verdient. Er hat gerade ein Buch veröffentlicht, wo er darüber berichtet wie Todkranke noch teure, aus seiner Sicht Leid verschlimmernde Operationen bekommen, über den Wunsch auf lebenserhaltende Maßnahmen zu verzichten -trotz Patientenverfügung!- einfach hinweggegangen wird (besonders wenn es sich um Privatpatienten handelt) und Menschen wochen-, und teilweise monatelang am Leben gehalten werden, denn das bringt Kohle. Klingt unglaubwürdig? Ich konnte es auch kaum glauben.

Leidverschlimmernd, hm. War da nicht so was wie der hippokratische Eid?

Ich war auch völlig fassungslos, als er in der Runde erzählte wie eine Leiche ungelogen 24 Stunden beatmet wurde und als er dazu kam, schon die Totenstarre eingetreten war. Mutiger Mann. Deckt auf, wo rücksichtslos Geld verdient wird auf Kosten der Menschlichkeit und der Krankenkassen und damit der Solidargemeinschaft und unser aller Geldbeutel. Findet in seiner Branche auch nicht jeder gut, wie er selbst erzählt.

Vom Tod zur Geburt

Mir fällt die Kaiserschnittquote ein in Deutschland.

Im Schnitt 33 Prozent. Jede dritte Frau kann nicht mehr gebären?

Daran verdient eine Klinik im Übrigen auch gut.

An einer natürlichen Geburt nicht so richtig.

An einer natürlichen Geburt, die länger dauert als 18 Stunden erst recht nicht.

Dass systemimmanent eher ein schneller Geburtsverlauf angestrebt oder vielleicht sogar forciert wird, das höre und lese ich immer wieder. Von Betroffenen und KritikerInnen der momentanen Krankenhaus Geburtskultur als auch auch von Hebammen. Geburtseinleitungen, die oft eine sogenannte Interventionskaskade auslösen und von denen viele viele Frauen ihr Leid klagen können.

Im Übrigen wurde die Dauer, die eine natürliche Geburt in Deutschland dauern darf, bevor definitiv eingegriffen wird, vor einigen Jahren herabgestuft von 48h auf maximal 24h.

Ja und mit welchen Folgen?

Andere Länder, andere Sitten oder was?

Und in Frankreich darf eine komplette Schwangerschaft insgesamt einfach mal eine Woche länger dauern. D.h. die Übertragungszeit beginnt dort eine Woche später.

Hallo was? In der Zeit, in der in Deutschland schon einige Ärzte panisch werden und Geburten einleiten, Hausgeburtlerinnen alle drei Tage zum Arzt beordert werden, ist in Frankreich noch alles ganz normal im Verlauf?

Warum?

Das wusste selbst meine sehr erfahrene, gebildete Hebamme auch nicht. Hat „man“ (wahrscheinlich „Mann“) so festgelegt.

Aber gemessen an China und Brasilien, wo Kaiserschnitte auf Wunschtermin und Sternzeichenwunsch modern sind, sind die Verhältnisse hier natürlich besser.

Ich denke an den Film Microbirth, für den ich eine Passage mitübersetzt habe und wo es um die langfristigen Auswirkungen von Kaiserschnitten auf Public Health, d.h. die gesamtgesellschaftliche Gesundheit geht und welche Kosten dies für die Gesellschaft und die damit verbunden Gesundheitssysteme verursacht. Und ja, da geht es um Milliarden. Milliarden, die jemand verdient und Milliarden, die jemand zahlen muss, nämlich wir, die Solidargemeinschaft. Und den Preis zahlen natürlich auch die Kinder mit ihrer Gesundheit. Das ist pure Forschung. Mehr Allergien, Mehr Stoffwechselerkrankungen usw. Schöner Film, schaut ihn euch an. Die Auswirkungen von Kaiserschnitten auf das menschliche Mikrobiom.

Klar: für ein Frühchen ist die moderne Medizin ein Segen! Für viele schwere Erkrankungen auch! Auch die Notfallmedizin. Nein ich bin froh über vieles, was ich hier nutzen kann. Keine Frage. Zwei meiner Kinder hatten auch mehrere Jahre eine chronische Erkrankung.

Aber sollten wir als Gesellschaft nicht die Kirche sozusagen im Dorf lassen? Geht es nicht vielmehr vor allem darum, unseren gesunden Menschenverstand und eine gutes Bewusstsein für uns und unsere Gesundheit entwickeln? Und vor allem eigenverantwortlich Informationen und Meinungen einholen, um auf einer fundierten Basis die richtigen Entscheidungen treffen zu können.

Stichwort Selbstermächtigung.

Ja, mehr Gelassenheit und gesunder Menschenverstand. Da hat er schon recht der Doc. Das täte uns allen gut.

Und Ministerämter zu schaffen, die Lobbyismus kontrollieren, wären auch eine feine Sache.

Finde ich.

In allen Bereichen. Und so endet unser Gespräch in so etwas wie gegenseitigem Einvernehmen: Bedauern über einige Aspekte des gesamtgesellschaftlichen Wandels und Verlusts von gesundem Menschenverstand und der Hoffnung, dass sich die Dinge doch irgendwie gut entwickeln mögen.

Werden unsere Schüler immer dümmer? Teil 2 meiner Übersetzung eines Interviews mit Gordon Neufeld

Werden unsere Schüler immer dümmer?

Fortsetzung:

Bereits kleine Investitionen in die Lehrer-Schüler-Beziehung haben messbar bemerkenswerte Auswirkungen auf das Lernen.

Der Fokus

Wir sollten die Richtung unseres Fokus‘ ändern, WIE wir unterrichten und uns auf den Kontext fokussieren. Sogar in der Uni lernen wir am besten da, wo wir eine Bindung haben.

Als Eltern wissen wir das auch intuitiv: wir wollen wissen, ob unsere Kinder ihre Lehrer mögen oder nicht!

Es geht im übrigen nicht darum, dass nur die Lehrer die Bindung aufbauen, sondern die Schüler natürlich auch zum Lehrer/Dozent.

Wir müssen also heraus finden, wie wir diese Beziehung kultivieren können, wie solche Beziehung aussehen können, um Schüler*innen ihr Lernpotenzial realisieren zu lassen.

Wie sollten diese Beziehung zwischen Lehrer und Schülern also aussehen?

Aus Perspektive des Lehrers: Was kann der Lehrer denn tun? Oder ist das Zufall?

Neufeld meint dazu Folgendes. Es gibt 3 einfache Punkte: man könnte fast sagen uralte „Rituale“, die aus allen Kulturen stammen und „Kultur“ gelingen lässt. Er nennt es eine „community von Verbindung“. Die Characteristica sind wie schon erwähnt, dass die Lehrer das Bindungsbedürfnis der Schüler bedienen?
Ganz einfach. So wie wir das auch privat dauernd machen.

Die einfachste Manifestation ist: Wir (er spricht von sich und den Pädagogen und Lehrern interpretiere ich), sollten sicher stellen, uns zu grüßen! Wir versuchen Augenkontakt herzustellen, Lächeln hervorzurufen, Ohne Augenkontakt gehen wir erst mal kaum miteinander in Kontakt. Das gehört intuitiv zur Kontaktaufnahme dazu.

Dann ein „Augenlächeln“ zu bekommen. Miteinander über Augenkontakt in Kontakt zu treten. Gemeinsam zu lächeln. „Das ist wie eine Einladung in meiner Präsenz zu existieren!Und das ist der herausragende Mangel/ das herausragende Bedürfnis!! Was es braucht.

So kommunizieren wir. So laden wir ein, uns zu verbinden.

Besondere „settings“

Bei Autisten geht dieses „Abholen“ natürlich anders, Augen sind zu empfindlich, oder asiatische Kinder, da geht es über die Ohren da sagt man was, was sie zum lächeln bringt, über die Ohren. Zuerst verbindung schaffen, dann unterrichten.

Anmerkung: in 50 Minuten kann er nicht alles in der Tiefe erläutern und geht hier nur kurz auf Schüler mit besonderen Bedürfnissen ein.

Der Bindungsinstinkt

Wenn wir nicht den Bindungsinstinkt „bedienen“, dann kooperieren Menschen nicht gut oder machen sogar das Gegenteil von dem, worauf wir abzielen. Dann entsteht eine Art Widerwille. Wir wollen nicht, dass jemand uns seinen Willen aufzwingt.

Diese Grunddynamik verkrüppelt das komplette Schulsystem heute. Weil wir darin versagen, das Kind in den Kontext der Beziehung mit uns zu führen. Wenn sie (die Lernenden) „dort“ (in Beziehung) sind, schmilzt alle Gegenwehr, sie wollen von uns lernen, sie geben ihr Bestes, die Schüchternheit verschwindet. Wir müssen unsere Schüler abholen und Rituale der Verbindung schaffen.

Kleine Rituale der Verbindung erfahren ist wichtig, wir benutzen Spiele dafür. Die Forschung sagt, wenn wir spielerisch sind, verbinden wir uns viel leichter miteinander.

Es gibt so viele Arten, wie wir das schaffen.

Zwei andere sind: Wenn wir eine Verbindung habe, dann müsse wir unseren Schülern zeigen, dass sie uns wichtig sind, dann sind sie in der Lage, freiwillig mit uns in Verbindung zu treten. Zum Beispiel über Abschied. „Ich freue mich dich morgen zu sehen, wir kriegen das hin..“ etc. also kommunikativ. Also eine Begrüßung und unser personalisierter Abschied.

Alle Filme über meisterhaften Lehrer basieren hauptsächlich darauf:

was einen meisterhaften Lehrer ausmacht, ist nicht Überlegenheit, Pädagogik und Curriculum sondern Großartigkeit in der Beziehungsfähigkeit und Beziehungsaufbau. Beziehungsaufbau, ob sie es bewusst tun oder nicht.

Dann Verbindungen vermitteln und aufbauen mit anderen Menschen. Wenn eine Verbindung/Beziehung da ist, dann ist das das nächste Bindungsmittel der Wahl. Weitere Bindungen aufbauen. Überall. Diese drei einfache Bindungsrituale und Punkte können unsere Schule völlig transformieren!

Das verbessert sogar Noten. Dies ist lässt sich sogar im akademischen Umfeld beobachten. So kreierst du einen Kontext, in dem jeder Student natürlicherweise lernen will. Merke: Du änderst nichts an Pädagogik, Curriculum, Stundenanzahl, du entfernst die Haupthemmschwelle, das Haupthindernis.

Es ist nicht kompliziert und machbar.

Und man muss dies nicht mit allen Schülern machen, denn manche gehen von selbst in Beziehung, manche brauchen es weniger, man muss es vor allem mit denen am Rand machen, die nicht von selbst aufblühen, sie ins Verbindunggsnetz hineinbringen. Sie arbeiten dann viel lieber, sind engagiert dabei etc.

Das ist die Macht der Bindung.

Frage: Ist es so, dass Schüler schwieriger zu unterrichten sind als vor etwa 20 Jahren?

Ja, definitiv ist es schwieriger. Trotz wachsender Erfahrung und verbesserter Rahmenbedingungen.

Hauptsächlich, weil Kinder nicht mehr so erwachsenenorientiert sind. Ursprünglich hatten Kinder automatisch eine Bindung zu ihrem adulten Umfeld. Nach dem 2. Weltkrieg in den 60iger Jahren, begann das Phänomen, dass Kinder sich um um sich selbst drehen, weil sie aus dem Gefüge/dem Orbit der sie umgebenden Erwachsenen, Eltern, Großeltern genommen wurden.

Nicht so sehr in Deutschland, wie etwa in Großbritannien. In England ist es besonders so, dass die Kinder fast nicht mehr lehrfähig sind. Wegen der Peer Orientierung. Die meisten Kinder gehen nicht zu Schule, um zu lernen sondern um mit ihren Freunden zusammen zu sein. Das passiert überall.

Heute denkt jeder, das ist normal und das war schon immer so. Aber das stimmt nicht. Die ganze Lernkultur und die Gesellschaft haben sich verändert.

Der Grund für Bindungsverhalten ist, dass wir instinktiv annehmen die natürliche Umgebung kümmert sich schon um uns. Wenn wir bindungsorientiert leben, dann springt sozusagen unser sozialer Instinkt an, wir nehmen aufeinander Rücksicht, wir kümmern uns umeinander.

Peers sind nicht dafür gedacht, diese Aufgabe zu übernehmen. Sondern Erwachsene.

Wenn wir sie also „einladen in unserer Präsenz zu existieren“, ihnen signalisieren, dass sie an unserem Tisch willkommen sind, hier gibt es Antworten im Sinne von Bedeutung für deine Sehnsüchte, Hoffnungen, Sicherheit, Wichtigkeit, dann ist das Ergebnis, dass sich ihr Lernpotential einfach entfaltet. Sie werden unsere wahren Schüler*innen. Dann wollen sie von uns lernen, unsere werte annehmen, so sprechen wie wir etc.

Frage: Warum gibt es also diese Peer Orientierung?

Das war auch ein Motor für unsere digitale Revolution. Obwohl wir (Anmerkung: Generation der Best Agers und Baby Boomer) dabei waren, diese digitalen Einrichtungen zu erfinden, dachten wir, es endet im Informationszeitalter. War aber nicht so.

Wir sind als Spezies letztendlich gar nicht so sehr an Information interessiert, weil unser Gehirn gar nicht so viele Informationen aufnehmen kann. Mehr als 95% der verfügbaren Information können wir nicht verwerten.

Wir suchen nicht Information sondern Verbindung!

Suchterzeugung und Pseudoverbindungen

Was also passiert ist, ist dass wir diese digitalen Produkte in der Schule eingeführt haben und was dann passiert ist, ist das die Schüler sie sofort als soziales Medium wiederverwenden. Und es ist suchterzeugend. Denn nichts ist suchterzeugender als das, was nur fast funktioniert.

Es funktioniert nicht richtig, weil die Schüler nicht mit denen Verbindung aufnehmen, die dazu gedacht sind, auf sie zu achten, für sie zu sorgen.

Wir haben jetzt ein weiteres ein Problem im Schulsystem: die Hauptbeschäftigung der Schüler*innen ist jetzt, sich miteinander mit ihren digitalen Geräten zu verbinden und es ist sehr schwer da durchzudringen zu ihnen. Wir müssen also ganz am Anfang anfangen. Verbindung aufbauen. Es ist so ironisch. Ich war in Kasachstan auf dem Welt Reform Education Forum. Der Trend dort war: „wir nutzen mehr Technologie für mehr Unterricht“ etc.

Aber darum geht es aus meiner Sicht nicht. Wir müssen unsere Schüler zurück bekommen und das thema ist Beziehung und Bindung. Sie einladen in unserer Existenz zu existieren.

Social Media ist wichtiger als Google!

Als westliche Gesellschaft investieren wir Milliarden in die digitale Ausstattung/Technologie von Schule. Jeder denkt, DAS ist Fortschritt.

Jeder denkt, wir sind immer noch im Informationszeitalter. Aber das hat sich verändert.

Aber Social Media ist viel wichtiger für Studenten als Google. Verbindung ist wichtiger als Information.

Wir sind so naiv zu glauben, Studenten nutzen die Technologie so, wie wir denken, dass sie sie nutzen sollten. Es ist unglaubliche Technologie, Zugang zu universeller Information, aber das Problem ist, unsere Schüler suchen digitale Intimität und alle Untersuchungen zeigen, es konkurriert mit realen Beziehung, es nimmt sie aus dem Orbit von echten Beziehungen. Ich glaube, die Schulsysteme werden merken, es wird nicht funktionieren, wenn wir keine Verbindung miteinander haben.

Teil 3 folgt

Werden unsere Schüler immer dümmer?

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Warum unsere Gesellschaft immer unreifer wird und was wir dagegen tun können oder: der Verfall der Lernkultur und des schulisch vermittelten Wissens.

Betrachtungen anhand eines Interviews mit dem Entwicklungspsychologen und Lernforscher Gordon Neufeld.

Teil 1:

Gordon Neufeld ist ursprünglich klinischer Psychologe, lehrte an Universitäten, forschte u.a. in Jugendgefängnissen zu den Themen Lehr-Lern Beziehungen und gelingenden Bildungsprozessen.

Eine zentrale Fragestellung von ihm ist:

Warum funktioniert Unterricht für manche Kinder besser und für manche schlechter? Oder gar nicht?

Ich finde seine Ausführungen über die Bedeutung der sogenannten „Gleichaltrigenorientierung“ und die Wichtigkeit von Bindungsprozessen in Lehr-Lernbeziehungen schon länger interessant. Sie entsprechen in vielem meinen eigenen Beobachtungen der letzten 7 Jahre und meinem Wissen um Lernprozesse und Potenzialentfaltung. Daher habe ich letzte Woche ein längeres Interview von ihm übersetzt, das im Rahmen eines Onlinekongresses über die Zukunft der Bildung stattfand.

Neufeld selbst stammt aus einer Familie mit sehr vielen Lehrern und entwickelte später auch Kurse für Lehrer und Psychologen am dafür gegründeten Neufeld Institut. Sein bekanntestes Buch ist wahrscheinlich: „Unsere Kinder brauchen uns“.

Hier stelle ich einige seiner Schlüssel Thesen vor, die er im Laufe seiner Arbeit und Forschung entwickelte und herausarbeitete. Früh erkannte er, dass das wichtigste Moment für gelingende Lehr-Lern-Beziehungen, die Bindung ist.

In meinem Text bleibe ich ziemlich genau am Ablauf des 50 minütigen Interviews und am Originalton von Gordon Neufeld. Daher ist manches vielleicht etwas ungeschliffen. Man möge mir das verzeihen : ).

Die Bedeutung von Curriculum, Pädagogik und Methodik

Curriculum, Pädagogik und Methodik sind seiner Meinung nach nachgestellt, was die Entwicklung des Bildungspotentials von Kindern und Menschen im Allgemeinen angeht. In Fachkreisen geht es aber meist genau darum, wenn die Frage nach Verbesserungen der Lernbedingungen und Leistungen diskutiert wird. Aus seiner Sicht ist dies nicht so wichtig.

Ein weiterer Faktor ist, dass Kinder in ihren Bedürfnissen nach Lernbegleitung variieren und das ein wichtiger Punkt ist, den die Pädagogen beachten sollten, um eine gelingende Lehr-Lern-Beziehung mitzugestalten.

Der wichtigste Faktor dafür ist die Bindung.

Dies ist ein grundlegender Faktor für alle Lebewesen: wir lernen da am besten, wo eine emotionale Bindung besteht.

Gründe dafür sind, dass Bindung für den Menschen anthropologisch und evolutionsbiologisch gleichbedeutend mit Überleben ist und das Gehirn dies quasi als Priorität für gutes „Funktionieren“ (in diesem Fall Lernen) voraussetzt.

Anmerkung: Wer sich mit dem Thema schon beschäftigt hat weiß schon, dass vor gelingenden Bildungsprozessen IMMER eine gelungene Bindung stattfinden muss.

Wenn also der Mensch an seine Lehrperson gebunden ist, dies betrifft besonders Kinder aber auch alle anderen, öffnet sich das Gehirn sozusagen und das beinhaltet sogar universitäres Lernen wie auch Lernprozesse von Dreijährigen oder noch Jüngeren.

Wir sind alle Bindungswesen und suchen intuitiv und unbewusst nach Nähe. (Anmerkung: evolutionsbiologisch ist das erste Ziel das Zusammensein und Gemeinschaft. In diesem Kontext funktioniert Lernen einfach am besten.

Wenn wir „richtig heranreifen“ können (Neufeld bezieht sich da auf ein Sein im großen „Rudel“ – einer altersdurchmischten Gruppe-, dann beginnen wir Menschen schließlich uns automatisch nach außen zu orientieren und auch durch unsere Fehler zu lernen. Wir lernen dann durch die sogenannte „Dissonanz“ aber auch „Versuch und Irrtum“.

Anmerkung: kognitive Dissonanz wie ich sie verstehe, bedeutet ein „Abgleichen“ meiner Vorstellung von etwas und ihrer wahren Natur bzw. Realität. Beispiel: ich glaube, dies oder jenes gelingt mir gut, stelle aber in der Realität fest, das dies nicht so ist. Dann übe ich, bzw. passe mein „Sein“ damit so an, dass mir die gewählte Aktivität irgendwann gelingt. Andere Strategien damit umzugehen, gibt es auch.

Unterschiedliche Bindungstypen

Das Problem mit dem Erziehungsystem weltweit ist, dass meist angenommen und so gearbeitet wird, dass Lernende in ihren Bedürfnissen nahezu alle gleich veranlagt sind, was aber nach Neufeld nicht so ist. Anmerkung: man kennt das auch aus der Bindungstheorie und den verschiedenen Bindungstypen)

Die Effizienz des schulischen Lernens verschlechtert sich messbar in weiten Teilen der westlichen Gesellschaft

Lernende unterscheiden sich SEHR in diesem Punkt. Manche lernen nicht aus Fehlern, mache nicht durch Dissonanz, mache sind von sich aus nicht offensichtlich neugierig.

Warum gibt es so große Probleme mit dem Lernniveau?

Die Schüler verändern sich. Das ist das Problem. Das sollten wir uns anschauen.

Unser ganzes Schulsystem basiert nach Neufeld in vielem auf einem „Unterdrückungsmodell“.

Eine wachsende Menge an Kindern zeigt diese Option der Lernmöglichkeit nicht mehr.

Anmerkung: ich glaube er meint, dass autoritäres Verhalten nicht mehr so „zieht“ wie früher.

Ein anderes Problem ist, dass immer mehr Kinder im Alter zum Schulübergang die Schulreife nicht mehr haben, diesen „inneren Schüler“ noch nicht entwickeln konnten.

Anmerkung: warum, darauf kommt er später zu sprechen.

Die Antwort der „Fachleute“

Die Antwort der Fachwelt, unsere Antwort darauf, ist länger und intensiver zu unterrichten (Stichwort Frühförderung und Ganztagsunterricht), das Curriculum zu ändern, es gibt jede Menge Reformbewegungen im Schulsystem aber niemand adressiert das wirkliche Problem.

Wir haben die besten Lehrer, die besten Curricula, die besten Technologien und wir „verlieren dennoch Boden“. Warum?

Sollte eine gewisse Reife da sein, bevor ein Kind zur Schule geht?

Was können wir also tun, wenn wir diese Unreife feststellen UND ganz generell?

Die meisten Kinder lernen von ihren Peers, weil dort die Bindung am stärksten ist.

Sie gehen ja in die Schule, um mit ihren Freunden zusammen zu sein.

Wir sollten daher die Bindung zwischen Schülern und Lehrern bzw. Erwachsenen aufbauen, um einen gelingenden Lernraum zu öffnen und zu gestalten.

Teil 2 folgt.