Unter 3: mit Leichtigkeit zum ABC

Sieht das Kind etwa schlecht?

Die Arzthelferin war irritiert. Warum kam denn die Antwort bloß so langsam? Die Bilder waren doch ganz eindeutig und leicht zu erkennen!

Vielleicht ein Indiz für eine schwere Sehschwäche?

„Sie müssen die Schrift abdecken, er liest es ab“, sagte der Vater.

Was? Sie war noch irritierter. Der Junge war doch gerade erst 5 geworden!

Sehr besonders.

Gar nicht besonders sage ich, sondern ganz normal. Wenn man über bestimmte Lernfenster Bescheid weiss und sie liebevoll nutzt. Im Übrigen machten das auch laut Vera Birkenbihl die alten Römer schon so: Ihren Kindern zwischen 2 und 3 Jahren die Buchstaben beizubringen.

Die Szenerie: U-Untersuchung mit 5. Die Bildgalerie mit den Gegenständen, die vom Kind zu benennen sind, um festzustellen, ob Sprache und kognitive Fähigkeiten sich gut entwickeln. Unter dem Bild steht der Begriff geschrieben, warum auch immer.

Der Junge ist im Übrigen mein mittlerer Sohn und der Vater mein Mann.

Laut Maria Montessori ist ein gutes Zeitfenster um Buchstaben zu lernen zwischen zwei und drei Jahren, bzw. im Kindergartenalter.

Das hatte mir eine Freundin, die Sonderpädagogin und in „Montessori“ fortgebildet ist, verraten.

Und mir erschien ganz logisch, dass ein Kind in der Entwicklungsphase, in der es lernt alle Gegenstände zu benennen und seinen Wortschatz auszubauen auch leicht lernt, bestimmte -sagen wir- Zeichen zu benennen. In diesem Fall Buchstaben.

Lernpsychologisch und pädagogisch ist es sinnvoll, dies ohne Druck und quasi ganz unabsichtlich erscheinend „nebenbei“ anzuregen. Wenn man es denn überhaupt in irgendeiner Art sinnvoll findet, dieses Lernfenster nicht der vorgegeben Schulzeit oder dem Kind selbst zu überlassen.

Da wir das, was im Kind angelegt ist gern unterstützen und wir planten unsere Kinder in eine freie Schule zu schicken, wo diese „Skills“ später aus verschiedenen Gründen nützlich sein könnten, haben wir das auch gemacht: den Kindern die Buchstaben gezeigt zwischen 2und 3. Gezeigt, nicht beigebracht oder: gezeigt und dadurch beigebracht. Wie man will.

Und die beiden Älteren haben um das Alter 4 angefangen die Buchstaben zusammenzuziehen und zu lesen und etwas zeitversetzt zu schreiben.

Meine Tochter schrieb mit vier das erste Mal aus eigenem Antrieb mit Stift eine Einkaufsliste. Mein Sohn, ganz Junge, und mit dem Feinmotorikkram naturgegebenermaßen in einem anderen, späteren Entwicklungsfenster, schrieb sein erstes Wort im Waldkindergarten mit einem Stöckchen in die Erde. Mit viereinhalb. Und zwar UHU.

Und dann mit Kreide auf den Asphalt.

Ganz von selbst. Dazu muss man wissen, dass Jungs und Mädchen meist andere Entwicklungsfenster haben, was die Entwicklung der Feinmotorik angeht. Ausnahmen bestätigen die Regel. Auch schön nachzulesen bei z. Bsp. Stephen Biddulph: Jungen: Wie sie glücklich heranwachsen.

Wir haben die Kinder bewusst nie bedrängt, nie gelobt oder angetrieben. Was wir aber sehr wohl getan haben, war die Aufmerksamkeit auf Buchstaben gelenkt und sie so spielerisch eingeführt. Und uns gefreut, wenn sie sie wiedererkennen.

Und im Alltag gibt es, ganz nebenbei, sooo viele Möglichkeiten Buchstaben in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken.

UmArmen

Im Aufzug, beim Einkaufen, Tanken, auf Nummernschildern und Verkehrsschildern, Reklamen etc.

Überall umgeben uns Buchstaben.

Und da wir das Ganze bewusst mitgesteuert hatten, haben wir auch entsprechendes Material zu Hause ausgelegt und zur Verfügung gestellt. Buchstaben gibt es bei uns in allen erdenklichen Ausführungen. Als Puzzle, in verschiederlei Gesellschaftsspielform, als Aufkleber, in Magnetausführung, zum Nachfahren mit dem Stift. Als Poster und natürlich in verschiedenen Büchern.

Dann und wann legen wir das Material aus, gehen spielerisch damit um und bei unseren beiden älteren Kindern dauerte es etwa neun Monate und die Kinder kannten alle Großbuchstaben und einige Kleinbuchstaben. Die restlichen Kleinbuchstaben kamen dann so nach und nach.

Momentan ist mein Kleinster „dran“. Er ist zweieinhalb und „kann“ O, E, A, e und P.

So ist das mit dem ABC in unserer Familie. Für mich und uns „Empowerment“.

Auch mit Musikinstrumenten umgeben wir unsere Kinder und uns gern. Es gibt jede Menge Trommeln, Flöten, Rasseln, Klangstäbe, ein Akkordeon, Mundharmonika, mittlerweile 4 Ukulelen und 3 Gitarren und ein Klavier. Da ich lange als Schauspielerin und Musikerin gearbeitet habe, bevor ich nochmal studiert habe und auch mein Mann eine Kunstader hat, ist das ein weiteres Feld, was wir gerne „aufmachen“. Meine Tochter hatte 1,5 Jahre Klavierunterricht, nicht im herkömmlichen Sinn, sondern in einem ganz Besonderen. Mit „relativer Solmisation“ und ohne Druck. Das hat wunderbar funktioniert. In der Schule langweilt sie sich jetzt dafür beim Flöten mit 32 anderen Kindern, wo alle natürlich mitkommen sollen.

Auch Material aus dem Bereich Erdkunde ist sehr beliebt. Mein Sohn hat da seine ersten Leseversuche gemacht. Ländernamen.

Dann haben wir z. Bsp. noch Material aus dem Bereich Geometrie.

Warum schreibe ich das alles? Bin ich eine Angebermama?

Nein : ) Und unsere Kinder spielen hauptsächlich zu Hause ganz frei.

Aber wenn wir es unseren Kindern leicht machen können an der Stelle: Warum nicht?

Denn es geht nicht darum, was meine Kindern können, sondern dass das Wissen um Lernfenster beschränkt ist, auch bei vielen Pädagogen. Und vor allem das WIE. Kinder lernen am besten oder soll ich besser sagen am liebsten „nebenbei“, unabsichtlich und ohne „Bewertung“ wie: „Oh, das hast Du aber toll gemacht“. „Ja fein“! Oder gar: „Jetzt kriegst Du aber noch ein Stück Schokolade!“ Ist ja auch kein Hund so ein Kind.

Viele Eltern wissen nicht, wie sie es anders machen sollen, weil es Ihnen niemand gezeigt hat und es kein Schulfach „Eltern werden mit Verstand und Herz“ gibt. Abgesehen davon, dass die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dahin gehen, die Kinder aus dem „zu Hause“ in Instiutionen mit „Fachpersonal“ zu bringen. Am besten den ganzen Tag. Da bleibt also oft wenig Zeit für Mama und Papa auch noch DA am Start zu sein.

Und die meisten von uns sind selber mit Lob und Strafe aufgewachsen. Und die Eltern unserer Eltern noch mit „Zucht und Tadel“. Jede Generation macht es so gut sie kann.

Alles eine Frage der Entwicklung.

Und wenn ein Kind mit Buchstaben und Zahlen ein ganz anderes Lernfenster hat, als andere, dann entwickelt es ziemlich sicher gerade einfach Kompetenzen in anderen Bereichen. Dann sind Buchstaben und Zahlen eben später dran.

Das ist dann in der Regelschule natürlich ein Problem. Bei uns. Schauen wir nach Finnland, sehen wir wie dort wie erfolgreich in jahrgangsübergreifendem, projektbezogenen Unterricht ohne Hausaufgaben und Noten umgestellt wird. Ohne feste Klassen.

Blicken wir in die Neurobiologie sehen wir, wie bei bildgebenden Verfahren das selbe Hirnareal für Schmerz wie für Wettbewerb, Vergleich und Bewertung aufleuchtet. Scheint nicht in der Natur des Menschen zu liegen Vergleich und Wettbewerb. Hier geht’s natürlich nicht um spielerisches Wetteifern.

Da gibt es ganze Wissenschaftsrichtungen, die darüber streiten ob „survival of the fittest“ oder das Prinzip „Kooperation“, das erfolgreichste Prinzip der Evolution ist. In neuerer Zeit liegt Letzteres vorne. Scheinbar hatte Darwin damals einfach die bessere Lobby als Lamarck habe ich gelesen. Lobbyismus gabs schon immer. Vetternwirtschaft. Auch menschlich.

Maximale Potenzialentfaltung durch friedliche Kooperation aber auch.

Welch schöner Leitsatz: Potenzialentfaltung durch Kooperation! Auf gehts!